Eine kurze Weile Leichtigkeit

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Eine kurze Weile Leichtigkeit | story.one

Es ist ein Freitagvormittag und wir besuchen die Wartebereiche mehrerer Ambulanzen eines großen Wiener Krankenhauses. An manchen Tagen werden wir gebeten auch auf der Intensivstation Kinder zu besuchen. So auch heute. Wir, das sind an diesem Morgen meine Clownkollegin Lotte und ich, Bernhart.

Intensivabteilung ist für mich kühle Atmosphäre, strenges Schweigen, Betriebsamkeit und viel Anspannung. Durch die oft dramatischen Schicksale der kleinen und großen Patienten fühlt man eine bleierne Schwere, die die Station umhüllt. Vielleicht nehme aber auch nur ich das bis jetzt so wahr.

Wir atmen einmal tief durch bevor wir die Intensivstation betreten.

Die Tür zum ersten Zimmer schnurrt automatisch und damit brutal aufdringlich auf. Uns empfangen viele erwartungsfrohe und zwei sehr verängstigte Augen. Wir hören ein leises Wimmern, das zu den verängstigten Augen gehört. Dazu ein kleiner, ziemlich dünner, auf jeden Fall kraftloser Körper.

Wir stehen in der Tür und versuchen unser leisestes „Hallo“. Lotte Hallo. Ich Hallo. Wir bemerken, es ist ein Hallo zu viel. Lotte schreitet deshalb zurück aus dem Raum und ich bleibe. Jetzt ist es gut. Nun - sagen wir: es ist ruhig. Gut ist anders. Vor allem, wenn ich hier ohne meine Partnerin stehe. Wir beginnen ein kleines Spiel: Lotte kommt wieder - sie geht wieder, ich hole sie zurück – sie verschwindet wieder hinter der Schiebetür. Das Spiel bestätigt uns noch einmal, dass der kleine Mann heute nur die Wirkung von einem von uns verträgt. Und das bin ich.

Ich weiß nicht, wer in dem Moment zaghafter ist. Der kleine Mann, weil jedes zu viel und zu laut ihn erdrücken würde - oder ich, weil ich den vorsichtig gewebten Faden von Neugier und Akzeptanz um keinen Preis zerreißen möchte. Dann wage ich mit mehr Mut eine Annäherung. Ein paar gezupfte Töne auf der Ukulele. Ein Lied. Und große Augen. Und ein Lächeln. Momente großer Nähe zwischen Mama, Bruder und Kind. Ich bin im Hintergrund und das ist gut so.

Die letzten Töne des Liedes verklingen und ich weiß nun, dass ich mich für eine Verabschiedung nähern kann. Es war doch noch eine rote Nase da. Aber wir brauchen noch eine zweite - für den älteren Bruder, der mir sicher mit einem Zauberspruch helfen kann. Kann er nicht. Oh.

Da ertönt aus dem zittrigen Körper, zu dem nun glänzende Augen gehören, ein inbrünstig hinausgeflüstertes SIMAAALAAAASI. Ein großes Staunen beim Erblicken seiner hervorgezauberten zweiten Schaumstoffnase. Ein großes Staunen bei uns allen anderen.

Und dann gibt er mir noch eine kaum spürbare „high five“ und wirbelt mich so durch die Luft. Und lacht. Viel.

Ich verlasse das Zimmer und suche Lotte auf der Station. Sie ist weg. Ich komme wieder an dem Zimmer des Buben vorbei und sehe sie bei der offenen Tür stehen. Alle reden und kichern. Und ich spüre eine erfrischende Leichtigkeit aus dem Zimmer strömen. Für eine Weile bleibt sie bestimmt.

© Christian Sommer 10.03.2020