Mein Alltag in 2.500 Zeichen

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Mein Alltag in 2.500 Zeichen | story.one

Muss ich heute in die Arbeit?

Wenn der Tag mit dieser Frage beginnt, dann muss ich in meinem Leben wirklich etwas falsch gemacht haben. Schlaf weiter! Es ist erst Samstag! Bitte lass mich einfach ausruhen!

Was heißt das schon? Ausruhen. Wenn ich die Stunden zusammenrechne, die ich für mich „zur Verfügung“ habe, dann wird mir ganz mulmig zumute. Es ist nicht immer leicht, aber es ist nicht egoistisch, wenn man einmal sich selbst in den Vordergrund stellt, denn erst dann ist man erholt genug, um den stressigen Alltag zu bewältigen!

Papperlapapp. Ich sollte doch den Tag mit positiven Gedanken beginnen. Ich bin dankbar für die Sonne, die unsere Erde erhellt und, dass ich gesund und voller Elan in diesen „freien“ Samstag starten kann. Was habe ich denn heute so alles vor? Mal sehen. Sport, putzen, kochen, einkaufen. So und nun auf liebe Christina! Verliere keine freie Minute. Nein! Ja nicht wieder unter die warme Decke kuscheln! Alles ist von Anfang bis Ende durchgeplant.

Leider ist der erste Handgriff jener zum Handy. Meine liebe Nichte belehrt mich immer wieder, dass das Wort Handy out ist. Ich gehöre bedauerlicherweise auch zu jenen Menschen, die immer das Handy eingeschaltet haben. Die einzigen Ausnahmen sind beim Sport oder in WLAN-freien-Zonen. Eigentlich ziemlich bedauernswert. In diesen Stunden versuche ich, meine Umgebung ganz bewusst wahrzunehmen und meine Gedanken fließen zu lassen. Der beste Effekt danach ist, dass ich mich wohl fühle, ausgeglichen bin, meine Gedanken geordnet und vielleicht sogar ein kniffliges Problem gelöst habe.

Brr. Das ist der gewohnte Laut für E-Mails, Whatsapp-, und Facebooknachrichten. „Guten Morgen meine Liebe! Hast du gut geschlafen? Schläfst du noch? Hast du schon das Foto von Onkel Marco gesehen? Geht es dir gut? Christina?“ Das ist auch mitunter ein Grund, warum ich nicht länger schlafen kann! Ansonsten würde meine Mama eine Vermisstenanzeige aufgeben. Ich lege das Handy beiseite, stehe unschlüssig im Raum und nehme es dann doch in die Hand, um meine E-Mails zu checken. Wer weiß, es könnte ja etwas Wichtiges dabei sein. Natürlich! Lauter Spam-Mails. Meistens sind es nur irgendwelche Newsletter, die ich schon X-Mal abbestellt habe, aber die einfach immer wieder in meinem Posteingang aufscheinen, wie ein schrecklicher Virus.

Es ist schon eine halbe Stunde vergangen und ich habe bis jetzt nur auf mein Handy gestarrt. Manchmal denke ich darüber nach, wie schnell eine Woche vergeht. Meistens ist mein Tagesablauf immer derselbe und so fällt es mir auch nicht schwer, mir das Erlebte in Erinnerung zu rufen, aber es ist schon gespenstisch, wie schnell ein Tag vergeht und wie automatisiert ich teilweise handle. Genüsslich essen, bewusst den Tag genießen, in die Luft schauen, tief Ein- und Ausatmen, an nichts denken sind eher Ausnahmeerscheinungen. Unsere Gesellschaft fordert durchgehende Erreichbarkeit, damit man sofort und überall an Ort und Stelle ist.

Nicht mit mir! Ich lebe jetzt!

© Christina Farthofer 01.12.2019