Mein Grauer Star - die Operation

„Ziffern, Zahlen oder chinesische Schriftzeichen?“ Ehe ich um einen näheren Anhaltspunkt bitten konnte, drückte der Arzt schon weiter und ich konnte etwas entziffern

Es war im Mai 2011 bei der Voruntersuchung zur Katarakt-Operation. Auf dem linken Auge hatte ich nur mehr eine Sehschärfe von 25 Prozent, zudem sah ich doppelt.

Nachdem ich die Operationsrisiken unterschrieben hatte (ich dachte immer, so eine Katarakt-Operation wäre eine einfache Sache...) musste ich mich entscheiden, in welche Entfernung ich klar sehen wolle. So eine künstliche Linse ist ja lange nicht so anpassungsfähig wie die natürliche und man kann sie nur auf eine Entfernung einstellen. Huch! So etwas soll ich entscheiden! Und was mache ich dann in allen anderen Entfernungen?

Der Arzt lachte. Nein, so kompliziert sei das auch nicht, es ist einfach nur so, ob ich eine Brille zum Lesen oder eine Brille für die Ferne brauche in Zukunft. Normalerweise tue ich mir schwer mit Entscheidungen. Aber dieses Mal war es vollkommen klar: Ich will den Großteils des Tages ohne Brille scharf sehen können! Und nur zum Lesen eine aufsetzen. Welch wunderbare Aussichten!

Zwei Wochen später war es dann soweit. In einem großen Raum mit vielen anderen Patienten, alle weit älter als ich, wartete ich, bis ich an die Reihe kam. Die ganze Zeit des Wartens auf die Operation war ich so beschäftigt gewesen, dass ich keine Zeit gehabt hatte mich zu fürchten. Aber nun hatte ich Zeit! Nun lag ich auf meiner Liege und konnte an nichts anderes denken als an die bevorstehende Operation. Endlich nahte Hilfe in Person einer Krankenschwester, die mir eine halbe Schlaftablette anbot. Ich hatte noch nie eine Schlaftablette genommen, folglich musste die doch wirken!

Aber ich wartete vergebens auf eine Beruhigung oder gar Schläfrigkeit. Am Ende hatten sie mir gar keine Schlaftablette gegeben, sondern irgend ein Placebo. Hilfe!

Am liebsten wäre ich aufgestanden und davon gelaufen! Aber was würde meine Familie sagen? Nein, da blieb ich lieber doch hier und harrte der Dinge, die da kommen würden.

Endlich war ich an der Reihe. Man schob mich in den Operationssaal, eine nette Ärztin stellte sich vor und es waren viele Leute rund um mich. Nun wurde ich eingetropft. Sofort drehten sich meine Gedanken: Was, wenn die schmerzstillenden Tropfen nicht wirken? Was, wenn die Wirkung plötzlich mittendrin nachlässt, wenn die gerade an meinem Auge herumschneiden?

Mein Puls raste. Die alte Linse wurde herausgesaugt und die neue Linse wurde hineingeschoben und die sollte sich in der Linsenkapsel von selber entfalten. Angeblich sollte das alles schnell gehen, aber mir kam es ewig vor.

Nach einer gefühlten Ewigkeit war alles vorbei. Auch die Ärztin war froh, dass es vorbei war, wahrscheinlich sind so nervöse Patienten wie ich auch für sie nicht gerade angenehm.

Endlich war der große Moment da. Ich durfte die Augen öffnen und in den Apparat schauen. JA, ich konnte sehen! Klar! Und nichts mehr doppelt! Ist das schön!

© Christine Amon