Mein Grauer Star

Der Arzt hat offensichtlich eine neue Sehtafel bekommen: 99 22 66 55... „Was lesen Sie denn da?!“ fragt mich die Assistentin beim Augenarzt.

Wie durch einen Nebel dringt die Stimme meines Augenarztes an mein Ohr: „Ah – Sie bekommen jetzt den Grauen Star!“

Mir ist, als ob ich einen Schlag in die Magengrube bekommen hätte. Der Graue Star? Ich? Das kann nicht sein! Den bekommen doch nur alte Leute und Mangelernährte in Afrika! Aber ich bin doch erst 45!

Der Arzt versucht mich zu beruhigen: Vielleicht dauert es auch noch fünf Jahre. Er klingt ruhig, fast heiter. Wahrscheinlich stellt er diese Diagnose 10 Mal am Tag.

Ja, ich habe schon immer schlecht gesehen. Erhöhter Augendruck, Schielen als Kind, Astigmatismus - ich habe Augenarzt-Erfahrung.

Ich beschäftige mich eigentlich nicht mit Krankheiten, die ich nicht habe. Drum weiß ich zu diesem Zeitpunkt absolut nichts über den Grauen Star. Außer dass alte Leute den kriegen. Und ich bin wie gelähmt. Ich kann mich eine Woche lang nicht dazu bewegen, mich über diese Krankheit zu informieren.Und selbst als ich das tue, begreife ich es nicht.

Die wenigen Leute, denen ich von meiner Krankheit erzähle, ermutigen mich, eine zweite Meinung einzuholen. Aber selbst dazu kann ich mich nicht aufraffen. Inzwischen sehe ich auch im Alltag Doppelbilder mit dem linken Auge.

Mir ist, als hätte ich einen Feind in meinem Auge. Ich weiß, dass diese Einstellung nicht gut ist . Aber ich mache mir auch Vorwürfe, dass ich mich nicht gesund genug ernährt habe. Zu viele Süßigkeiten! Zu viel Fleisch! Und ich mache mir auch noch Vorwürfe darüber, dass ich mich so aufführe. Andere bekommen die Diagnose Krebs! Und ich mache so ein Theater, weil ich so eine alltägliche Krankheit habe. Die Katarakt-Operation ist die häufigste Operation überhaupt.

Als ich dann den Mond, die Gänseblümchen auf dem Rasen und die Verkehrszeichen an unserer Straße dreifach sehe und die Nachbarn nicht mehr grüße, fasse ich mir ein Herz und gehe nochmals zu meinem Augenarzt. Es ist Februar. Der Arzt sagt, ja es ist Zeit zu operieren. Auf dem einen Auge bin ich nun 13 Dioptrien kurzsichtig, das ist eine Verschlechterung von 6 Dioptrien in einem halben Jahr. Ich bin entsetzt. Der Arzt sagt zu seiner Sprechstundenhilfe, sie soll meine Werte dem Krankenhaus faxen, dann bekomme ich bald einen Termin für die Voruntersuchung zur Operation.

Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Es ist mir peinlich, dass ich so schlecht sehe. Aber irgendwie will ich nicht mehr einkaufen gehen, will nicht mehr unter Menschen. Es ist so lästig, wenn mich die Leute grüßen und ich erkenne sie nicht. Ich fühle mich nicht mehr wohl. Vielleicht kriege ich ja auch einen Vogel, es haben so viele Leute psychische Probleme heutzutage. Warum nicht auch ich?

Wenn man schwerhörig ist, werden viele Menschen mißtrauisch. Aber wenn man schlecht sieht, wird man unsicher. So ist jedenfalls meine Erfahrung.

Anfang Mai werde ich dann endlich operiert. Aber das ist eine andere Geschichte.

© Christine Amon