Cleopatra gibt nicht auf

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Cleopatra gibt nicht auf | story.one

Aufgeregt kam Elena, die rumänische Betreuerin meiner Mutter, in die Stube: „Ich Cleopatra nix finden!“ Cleopatra, meine Sulmtaler Henne, war offensichtlich nicht mit den anderen Hühnern in den Stall gegangen. Also machten wir uns gemeinsam auf die Suche nach der Ausreißerin.

Wir klapperten ihre Lieblingsplätze ab, den Komposthaufen, die Hecke hinter dem Haus, die Ostseite des Bauernhauses, wo die Hühner Löcher in die trockene Erde unter dem Vordach scharrten um zu baden, aber keine Spur von Cleopatra. Sogar den Garten suchten wir ab, der eigentlich für die Hühner tabu ist, aber manchmal finden sie doch ein Schlupfloch – nichts.

Im Obstgarten wurden wir schließlich fündig. An einer Stelle war das Gras niedergetreten und alles war mit unzähligen Federn übersät. Meine Cleopatra war wohl Opfer eines Habichts geworden. Oder hatte sie ein Fuchs geholt? Armes Hühnchen, hoffentlich hatte sie nicht lange gelitten!

Den Tränen nahe hob ich eine cremeweiße Feder auf und drehte sie zwischen den Fingern. Vor zwei Jahren hatte meine Bruthenne Adele zwei flauschige, niedliche Küken ausgebrütet. Ich nannte sie Cäsar und Cleopatra. Cäsar wuchs zu einem bunten, stattlichen Hahn heran und Cleopatra zu einer cremefarbigen Schönheit mit braunen Halsfedern und einem kessen Federschopf hinter dem Kamm. Sie wurde sehr zutraulich und fraß mir sogar aus der Hand.

Leider kann man seine Hühner nicht vor Raubwild schützen, wenn man sie nicht lebenslang im Stall einsperren will, das ist eben der Preis der Freiheit.

Traurig fuhr ich nach Hause. Nach Einbruch der Dämmerung kam ein Anruf von Elena: „Cleopatra ist wieder da!“ Zerrupft, verletzt und total verschreckt musste sie sich irgendwo versteckt haben und war dann doch nach Hause gekommen. Ein paar Tage später erzählte mir ein Nachbar, er hätte einen Hund beobachtet, offenbar einen Streuner, der meine Hühner gejagt habe. Ich mag Hunde, aber ich war wütend auf den unbekannten Hundebesitzer.

Elena pflegte das verletzte Tier. Das tapfere Hühnchen kämpfte um sein Leben und tatsächlich wurde Cleopatra wieder ganz gesund und lebte noch ein paar Jahre. Vor drei Wochen schlief sie für immer ein.

Danke, Cleopatra, für die Zeit, die du mit uns verbracht hast, für die vielen Eier, die du gelegt hast und für die Freude, die du uns gemacht hast!

© Christine Salchegger 26.01.2020