Keine Sorge, Papa!

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Keine Sorge, Papa! | story.one

Früher, in der guten alten Zeit, gab es noch eine geregelte Abfolge, um den Bewegungsradius zu erweitern: Auf die Welt kommen, von der Rücken- auf die Bauchlage drehen, robben, krabbeln, aufstehen, gehen, laufen, Fahrrad fahren. Inzwischen ist noch eine weitere Mobilisierungsphase dazugekommen, die sich auch in unseren Breitengraden immer größerer Beliebtheit erfreut: das Laufrad. Sehr angesagt bei Kids, die zu gelangweilt vom klassischen Gehen sind. Wie auch meine jüngere Tochter, damals gerade 2.

Eines verregneten Herbsttages machte ich mich mit ihr auf zum Frischluft-Schnappen im Park. Als routinierte Laufradlerin ließ sie sich weder von aufdringlichen Rentnerinnen noch von Skateboardern oder Enten ablenken. Nur bei einer Sorte von Verkehrsteilnehmern wird sie schwach: Hunden. Als ein freundlicher Pudel vorbei trottete, drehte sie sich verzückt um –stapfte dabei aber munter weiter nach vorn und verzog gleichzeitig den Lenker nach links in Richtung Böschung, die steil zu einem Bach runterführte. Während ich noch lauthals ihren Namen schrie, stürzte sie schon bergab, zwei Meter nach unten. Zum Glück war das Bachbett voll von Matschablagerungen, was den Aufprall erheblich gedämpft hat. Aber alleine wäre sie aus diesem Schlam(m)assel auf keinen Fall wieder rausgekommen. Kopfüber im Morast steckend.

Ich sofort hinterher, die wie am Spieß schreiende Kleine rausgezogen und die rutschige Böschung raufgekeucht. Zu meiner Erleichterung konnte ich keine Verletzungen feststellen. Hilfsbereite Seniorinnen zückten ihre Taschentücher und wischten Tränen und Schmutz aus dem Gesicht. Vielen Dank dafür, ich sag auch nie wieder "aufdringliche Rentnerinnen".

In der folgenden Nacht habe ich nicht gut geschlafen. Wohl wissend, dass Unfälle zum Aufwachsen dazu gehören und man Kinder ja nicht die ganze Zeit mit Michelin-Männchen-Schutzkleidung rumlaufen lassen kann – wenn einem um drei Uhr morgens aktuelle Sturzbilder durch den Kopf geistern, kommt man mit Vernunft nicht weit.

Aber dann die rettende Idee zur Traumabewältigung: "Vielleicht hilft es, wenn wir denselben Weg noch einmal gehen", dachte ich. Ganz wie Niki Lauda bei seinem Comeback nach dem Feuer-Crash auf dem Nürburgring 1976. Gesagt, getan. Was der Lauda konnte, können wir auch.

Wir also am nächsten Tag wieder zum Park, ich mit der langweiligen Zu-Fuß-Geh-Art, meine Tochter ungebremst fröhlich auf dem Laufrad. Alles war schon auf ein Déjà-vu ausgerichtet. Ungefähr gleiche Uhrzeit wie am Vortag, ähnliches Wetter, ähnliches Licht. Schon bald näherten wir uns der berüchtigten Böschung. Ich hatte sämtliche Muskeln angespannt bis zum Bersten.

Und was macht meine abgeklärte Zweijährige? Bleibt cool neben dem Abhang stehen, schaut erst bedächtig runter, dann zu mir, direkt in meine vor Nervosität geweiteten Pupillen, und sagt mit felsenfester Überzeugung:

"Keine Sorge, Papa! Ich fall da nicht noch mal rein."

© Christoph Bauer 24.01.2020