Nichtalleinesein

Obwohl es mitten am Tag war, wurde es immer dunkler; und die Stimmen rundum im Straßenbahnwaggon schienen nun gedämpft, als ob jemand eine Glasglocke über mich gestülpt hätte. „Entschuldigung, Entschuldigung“, hauchte ich. Kurz bevor es ganz dunkel war, griff ich dem Herrn links neben mir an den Arm; und stammelte, dass ich womöglich gleich umfallen werde.

Der Mann erkannte, dass ich kurz vor einem Kreislaufkollaps stand. Als sich die Türen des Waggons wenige Augenblicke später öffneten, half er mir an die frische Luft; und begleitete mich zu einer Parkbank. Als ich saß, legte er seine rechte Hand an meinen linken Oberarm. Ich weiß nicht mehr, was er dann gesagt hat, nur diese Berührung blieb mir in Erinnerung. Ich spüre sie heute noch; mehr als alle Worte gab sie mir ein Gefühl des Nichtalleineseins.

Ein Infekt hatte mich binnen einer Stunde so geschwächt, dass ich nicht wusste, wie ich es jemals nach Hause schaffen sollte. Ich konnte mir nicht einmal vorstellen, mich zu einem Taxi zu bewegen. Der Mann hatte inzwischen sogar einen Termin verschoben, um sich weiter um mich kümmern zu können. Während er eine Flasche Wasser für mich holte, setzte bei mir Schüttelfrost ein. Gerade eben erst zurückgekommen, ging er gleich wieder los, um Tee zu besorgen.

Nun beruhigte sich mein zitternder Körper und ich fühlte mich in der Lage, eine Freundin anzurufen und sie zu bitten mich abzuholen; ich hatte nun endlich auch genügend Energie, um dem Mann immer wieder meine Dankbarkeit auszusprechen. Er blieb an meiner Seite, bis ich im Auto saß.

© Christoph Hellmann