Weiß statt Rot

Einige hatten am Pannenstreifen gehalten, um ihren Schock zu verdauen. Ein Auto, das wir passierten, hatte einen Blechschaden; hinter der Leitplanke standen Kinder mit ihren Eltern, die sich aufgeregt unterhielten. Auch wir versuchten das gerade Erlebte zu rekonstruieren, was uns jedoch nur bruchstückhaft gelang.

Wir waren in einer Kolonne auf der Überholspur unterwegs gewesen. Vor uns reihte sich ein Wagen nach dem anderen rechts ein; darunter auch Autos, die uns zuvor noch ungeduldig auf der ersten Spur überholt hatten. Meine Irritation darüber konnte ich nicht mehr aussprechen, denn nach all den roten Rücklichtern tauchten nun weiße Scheinwerfer vor uns auf.

Während mein Blick das Gesicht des Mannes im entgegenkommenden Wagen fixierte, lenkte mein Bruder nach rechts. Ob dort ohnehin eine Lücke war oder ein anderer Autolenker geistesgegenwärtig auf den Pannenstreifen ausgewichen war, wussten wir beide nicht mehr. Unmittelbar nach dem Ausweichmanöver noch relativ gelassen, setzte nach wenigen Minuten auch bei uns der Schock ein.

Geisterfahrer kannten wir bislang nur aus dem Radio, sie waren stets dort gefahren, wo wir gerade nicht unterwegs waren; und nun haben wir soeben in die weißen Scheinwerfer eines solchen geblickt. Die restliche Autobahnstrecke nur noch mit 100 km/h und ausschließlich auf der ersten Spur unterwegs, sprachen wir immer und immer wieder über dieses beängstigende Erlebnis, über Schicksal und den Tod. Das Reden darüber tat uns gut.

© Christoph Hellmann