Fangstoß

Zweite Seillaenge. Duennes Eis. Absicherung? Eher spaerlich. Da oben steckt ein alter Haken. Standplatz ist okay. Da jetzt rauf? Beinahe senkrecht. Gemischtes Gelaende. Duennes Eis. In der Beschreibung haben sie kurze Eisschrauben empfohlen. Bei 2 cm Eis?Entbehrlich. Jetzt muss ich da wohl rauf. Warum eigentlich? Meine Aengste besiegen. Man kann sich auch leichteren Aufgaben stellen. Da hat man dann aber auch keine Angst.

Partnercheck. Zwei Halbseile. Eines in Pink, eines in Blau. Maximal 8kN Fangstoß. Nichtmal der Anfang ist leicht. Sich mit meiner Groeße in so eine Felsspalte zu quetschen ist aber auch eine bescheuerte Idee. Koerperspannung aufbauen. Saukalt ist es. Immerhin, ein unerwarteter Haken. Rostig. Man nimmt was man kriegen kann. Angst mit Absicherung ist ja auch keine Angst.

Endlich raus aus der Spalte. Jetzt geht's zur steifen Wand. Dummer Witz um zu Verzoegern. Ich wusste gar nicht wie stark ein Herz schlagen kann. 3 Meter nach oben. Der naechste rostige Haken. Jetzt nach rechts traversieren. Die Schluesselstelle. 6m senkrecht duennes Eis und broesliger Fels. Ein kleines Koepfli um eine Schlinge zu legen! Gespielte Sicherheit! Das Koepfli bricht ab wenn man es anfasst. Wenigstens muss ich keine Zeit damit verschwenden die Schlinge zu legen. Die Angst waechst mit jedem Centimeter den ich mich bewege. Kaum Platz im Kopf. Kurz nach links. Es sieht weniger steil aus. Als Weg ist es ungeeignet, aber es erlaubt mir eine kurze Pause. In der Pause nimmt die Angst den letzten Raum meines Kopfes ein. Ich kann nicht weiter. Bin den Traenen nahe. Mehrere Meter ueber den letzten Sicherung. Wird ein weiter Sturz. Mein Seilpartner versucht mich zu beruhigen. Er fragt ob ich abklettern moechte. Die Frage bringt mich zurueck aus dem Stadium der Angst. Klare Gedanken uebernehmen die Kontrolle. Abklettern? Viel zu schwer. Ein Sturz? Sehr schlecht. Flucht nach vorne? Die einzige Option mit Aussicht auf Erfolg. Langsames Setzen der Eisgeraete. Das Eis darf nicht delaminieren. Die Steigeisen sauber auf kleine Felsvorspruenge setzen. Abrutschen verboten. Die Arme brennen, aber dafuer trainiere ich. Was ich spuere ist nur Laktat, nur Schmerz. Keine Muskelverletzung. Ich finde einen Weg. Jeder cm nach oben erhoeht das Risiko, aber bringt mich dem Ende nahe. Die Oberkante in Griffweite. Dickes Eis. Ein kraftiger Schlag. Die Haue beißt. Fueße positionieren. Zweiter Schlag. Die Haue beißt. Fueße hoch. Ueberlebt. 50 Grad steile Schneeflanke vor mir. Kompakter Fels zu meiner Linken. Kein Platz fuer Sicherungsgeraete. Letzte Sicherung. Der alte Haken 10-15m unter mir. Keine Zeit an Katastrophen zu denken. Jeder Schritt muss sitzen. Der Schnee hat die Struktur von Styropor. Gut zum Gehen. Miserabel um zu Sichern. Ich sehe den Standplatz. Zwei Bohrhaken. Noch 5 Meter. Es wird gut. Keine Angst.

© ChristophBertel