Leg deine Hand in meine Hand

Die Musik. Die Worte. Ich war beeindruckt. Tief beeindruckt. Er kannte mich nicht. Ich kannte ihn nicht. Die Fantasie hat ihre eigenen Spielregeln.

„Leg’ deine Hand in meine Hand“, huschte es durch meine Gedanken. „Lehn’ deine Wang’ an meine Wang’“ – Heinrich Heine.

Ode to joy. Die Ode an die Freude. Ach so, das Handy! Unwillig warf ich einen Blick auf das Display. Leon, blinkte es fröhlich auf. Sollte ich den Anruf annehmen?

Das Handy glotzte stumm. Zu spät. War wohl besser so. „Und wenn in die große Flamme fließt der Strom von unseren Tränen, und wenn dich mein Arm gewaltig umschließt, sterb’ ich vor Liebessehnen.“

Nicht schon wieder! Ode to joy. Ich meldete mich. „Ja, bitte?“, hatte ich inzwischen unverbindlich gesagt. „Ich bin es, Leon.“ Natürlich. Das wusste ich doch schon längst. Display, das Wunder der Technik.

Stille. Telefonieren war noch nie seine Stärke gewesen. Musste ihn eine große Überwindung gekostet haben. „Wollte nur hören, wie es dir geht.

– Danke. Nicht besonders. Und dir?

– Du weißt ja, die neue Produktion. Die Studioaufnahmen. Viel Stress…“ Nicht besonders, hatte er wohl gar nicht gehört, gar nicht hören wollen.

Ich wusste, was jetzt kommen würde. „Wann kommst denn wieder einmal?“ Ich musste lächeln. Verdammt, wenn es nicht noch immer so weh tun würde!

„Leg’ deine Hand in meine Hand“, ganz leise huschte es durch meine Gedanken.

„Tut mir leid, ich kann im Moment unmöglich von der Arbeit weg. Und am Wochenende geht es ja bei Dir nicht.“ Stille.

„Warum kommst nicht Du einmal?

– Du weißt doch. Die vielen Verpflichtungen, die vielen Termine.“

„Leg’ Deine Hand in meine Hand…“ Ich wollte das Gespräch beenden.

„Ich hab’ Dich doch so lieb.“ Die Stimme bettelte.

„Leg’ Deine Hand in meine Hand…“ Stark bleiben! Gib’ mir Kraft! Bitte gib’ mir Kraft!

Zwei Jahre zwischen Himmel und Hölle waren mehr als genug.

„Ich darf doch wieder anrufen?

– Ja.

– Gute Nacht.“

Das war er gewesen: Der Lebensmensch. Der Alltag musste weitergehen. Ich musste weitermachen. Ich funktionierte. Keine unnötigen Gedanken. Nur organisieren, arbeiten und funktionieren.

Zwei Jahre waren vergangen. Ganz langsam ging es wieder bergauf. Mein Lebensmensch. Es tat nicht mehr weh. Nur eines schmerzte: Ich würde nie mehr vertrauen können. Ich würde nie mehr lieben können. Es war nicht er, der mir fehlte. Es waren meine Gefühle, die ich so sehr vermisste.

„Leg’ Deine Hand in meine Hand…“ Die Worte. Die Musik. Ihn kannte ich nicht. Die Fantasie hat ihre eigenen Gesetze. Und sie sollte es sein, die mich ins Leben zurückholte. Ein Konzert. Eine Theateraufführung. Eine Lesung.

Ich lebte. Ich saß da unten, und ich fühlte. Ich lächelte. Ich bangte. Ich litt. Es tat gut.

„Lehn’ Deine Wang’ an meine Wang’, dann fließen die Tränen zusammen…“ Ich weinte, und ich war dankbar dafür. Dankbar dafür, wieder zu fühlen.

Da war noch diese Fantasiegestalt. Er kannte mich nicht. Ich kannte ihn nicht. Doch seine Stimme geisterte durch meine kleine Welt.

© ckd