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La vita è bella- Schönheit im Nirgendwo

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La vita è bella- Schönheit im Nirgendwo | story.one

Malerisch gelegene Weinberge und graziöse Olivenhaine gehören nicht zu meinem Italien. Elegante Renaissancebauten, schicke Straßencafés und mit flatternden Sonnenschirmen geschmückte Sandstrände kann man hier nur auf Postkarten bewundern. Mein Italien beginnt da, wo die katalogreife Faszination des Südens aufhört. Wo verlorengegangene Touristen hinter heruntergekurbelten Autofenstern nach dem Weg ins Urlaubsparadies am Mittelmeer fragen.

Etwas mehr als 4000 Seelen zählt „mein“ kleiner, norditalienischer Ort. Hier, zwischen Poebene und ersten Ausläufern der Alpenvortäler, plätschert der Alltag unspektakulär vor sich hin. Die einzige Hauptstraße bahnt sich träge ihren Weg vorbei am beeindruckenden Klostergebäude, kleinen, den großen Supermärkten trotzenden Lädchen und von Abwanderung gezeichneten Gebäuderesten. Alle gemeinsam Zeugen einer 800jährigen, durchaus bewegten Dorfgeschichte.

Ein Spaziergang durch dunkle, aber dadurch angenehm kühle Arkaden führt zum zentralen Dorfplatz. Apotheke links, Rathaus rechts, Melonenverkäufer mittendrin. Geradeaus weiter Pflegeheim, Grundschule, Tankstelle. Sportanlage. Friedhof. Fertig.

An Pechtagen endet die Schlange vor der zweischaltrigen Postfiliale direkt auf der „Stazione dei Carabinieri“; alternativ dazu vor der Eisdiele: Hier bekommt man für solo 1000 Lire ungelogen das beste „gelato“ der Welt!

Direkt gegenüber bietet der dienstägliche Wochenmarkt Frischfleisch, Fashion sowie Gesprächsstoff für die doch recht lebhafte, dorfeigene Gerüchteküche. Zum Sonntagmorgen scheint sich ein tiefer Graben durch die sonst solide Gemeinschaft zu ziehen: Während die Damenwelt ehrfürchtig das barocke Gotteshaus zur Messe aufsucht, gesellen sich die Herren der Schöpfung zum Klatsch in der „Bar Roma“ zusammen. Kaffee in der einen, die „Gazzetta dello Sport“ in der anderen Hand kommentieren sie hitzig das aktuelle Sportgeschehen. Alles Experten hier, sogar die Ortsliga spielt stolzen Hauptes in Serie C.

Mit etwas Glück lernt man bei der „Sagra dei Pescatori“, DEM alljährlichen Partyhighlight zum Sommerende, das jüngere Landpublikum und Bruchstücke der hiesigen, mittlerweile verblassten Fischereitradition kennen. Andernfalls genießt man einfach in „Cantogno“ bei einer Pizza aus dem Steinofen den Blick auf die angrenzende Wallfahrtskirche.

Wenn man das Ortseingangsschild dann einmal hinter sich gelassen hat, kommt lange Zeit nichts. Nur verstreut liegende Bauernhöfe, Stallgeruch und dichte Maisfelder. Hinter diesen erstreckt sich genau jene Gebirgskette, die der legendäre Hannibal mit seinen Elefanten überquert haben soll. Und in deren Mitte majestätisch die Spitze hervorragt, der bereits die alten Römer einen Namen gaben:„Vesulus“.

Das bist du, mein Italien: Unverblümt. Authentisch. Liebenswert. So wie ich dich weit weg von romantischer Urlaubsidylle kennengelernt habe. Und nicht mehr missen möchte.

© Claudia Schubert 15.07.2020

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