„Und mit den Zimtschnecken kam der Tod“

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„Und mit den Zimtschnecken kam der Tod“ | story.one

... So hätte ein dunkles Kapitel in meinem Leben heißen können, wenn ich nicht mehr Glück als Verstand gehabt hätte. Mit Verstand hatte das alles nämlich gar nix zu tun, nur mit Gewohnheit und gutem Willen, und die beiden alleine sind zur Zeit keine gute Basis.

Es war Samstag, der 21. März 2020. Ich war nun schon eine Woche zu Hause - in selbst gewählter Isolation und hatte keinerlei Symptome. In meinen 4 Wänden war die Welt noch in Ordnung, draußen war das anders, da war irgendwie auf einmal alles anders.

Doch ich war ja in meinen 4 Wänden, da wo die Welt in Ordnung war, und wenn ich die nicht verlassen hätte, wäre auch alles in Ordnung geblieben. Doch ich blieb da nicht.

Wir haben eine ganz liebe Nachbarin, rund 80 Jahre dürfte sie alt sein und damit zählt sie aktuell voll zur Risikogruppe. Das wusste mein Kopf natürlich, aber irgendwie... .

Ich habe Zimtschnecken gebacken und wollte ihr eine Freude machen. Ich rief sie vorher an, ob sie denn Zimtschnecken überhaupt möge. Ja, sie mag. Und ich machte mich auf, sie ihr vorbei zu bringen, das heißt sie ihr an das Gartentor zu hängen. Das war der Plan.

Die Schnecken kamen aus dem Ofen und dufteten verführerisch. Mhhhhh! Was gibt es besseres als Zimtschnecken? Richtig, frische Zimtschnecken. Voller Freude über mein Werk und voller Vorfreude diese Freude auch noch mit anderen zu teilen, packte ich ein paar davon ein und machte mich auf den Weg.

Und dann passierte es, einfach so, als wäre es das Normalste auf der Welt. War es ja bis vor kurzem auch, aber jetzt ist es auf einmal gefährlich, sogar lebensgefährlich.

Ich wollte sie an das Tor hängen, doch da stand sie am Zaun, trat näher und streckte mir ihren Arm entgegen. Ich trat auch näher, streckte ihr meinen Arm entgegen und gab ihr das Sackerl mit den frischen Zimtschnecken- von Hand zu Hand.

Und statt der Freude, die ich bis hierher verspürt hatte, überkam mich kurze Zeit später blankes Entsetzen. Das Virus! Wenn ich nun positiv bin und sich unsere Hände berührt haben und sie gleich ein Zimtschnecke isst und ... schwarze Gedanken wirbelten in meinem Kopf umher, ich verging fast vor Sorge, Scham, Entsetzen und Wut über meine Fahrlässigkeit.

Mittlerweile sind 2 Wochen vergangen, mir geht es gut und ihr auch. Möge das auch so bleiben! Diese Sekunde, diese eine Sekunde, sie hätte ein Leben zerstören können. Ich habe daraus gelernt, mit dem Herzen und mit dem Verstand. Wir haben besondere Zeiten, da reichen Gewohnheit und guter Wille nicht. Da braucht es Achtsamkeit, da braucht es Wachsein.

Wach sein, achtsam sein, aufeinander schauen und trotz physischem Abstand in Verbindung bleiben, Augen und Herz auf, Hirn an. Dafür stehen für mich seit dem 21. März 2020 symbolisch die Zimtschnecken und seitdem schmecken sie noch besser, noch nahrhafter, regelrecht dankbar schmecken sie.

© Claudia Schwarz 05.04.2020