Baumwelten

Jetzt sterbe ich

Das Rauschen in meinen Ohren nahm zu, ich falle. Aus einer 30 Meter hohen Eiche, die ich zuvor erklettert hatte, die Sicherung falsch eingefädelt, der Ast bricht ab und es geht kopfüber abwärts. „Das war’s, jetzt sterbe ich“...schießt es durch meinen Kopf. Augenblicke später ein gewaltiger Ruck und ich hänge mit meinem rechten Bein in einer Astgabel, schlage mit meinem Hinterkopf am Stamm auf. Ein heftiger Schmerz in meiner rechten Schulter reißt mich aus der Bewusstlosigkeit. Mein Handy liegt 12 Meter unter mir am Fuße der starken Eiche, die mich erst abschüttelte und dann doch noch aufgefangen hatte. Meine Schulter ist gebrochen, einige Finger der linken Hand auch, am Kopf rinnt warmes Blut über die Stirn und tropft weit nach unten. Irgendwie habe ich den Abstieg am Seil - wohl noch im Schock des Erlebten - geschafft, finde mein weit weg abgestelltes Auto im abgelegenen Wald und fahre schwer lädiert nach Hause. Einige Stunden später liege ich im Spital auf dem OP-Tisch und schlafe sanft ein, endlich schmerzfrei. Ich hatte nochmals Glück und es war Zeit, mein „gefährliches Bäume erklettern“ mit einem etwas weniger risikoreicheren „Bäume fotografieren“ zu tauschen. Es war ein Versprechen an meine Ehefrau, die zuhause mit drei Töchtern gebangt hatte. Von da an hatte sich mein Leben grundlegend verändert.

Ohne Bäume kein Leben

Sie haben mich immer schon begleitet, diese riesigen, überragenden, kräftigen Wesen. Als Kind verbrachte ich mit meinen Geschwistern die Sommerferien im Wald. Wir bauten uns Hochsitze, Höhlen, Mooslandschaften und kletterten am Waldrand auf eine der zahlreichen Buchen. Das Leben im Baum war eigentlich normal. Welch fantastisches Abenteuer in den Lüften, ohne Boden unter den Beinen, gleichsam mit der Natur vereint. Solche und viele andere Erinnerungen an die Bäume haben sich tief in mein Bewusstsein gebrannt. Als Zwölfjähriger pflanzte ich mit meinem Vater ein Wäldchen. Diesen Wald mit nunmehr ausgewachsenen Bäumen besuche ich immer wieder, manchmal mit meinen inzwischen erwachsenen Töchtern, sitze mit ihnen auf Starkästen im Baum und wir reden und spüren.

Meine Leidenschaft wurde zum Beruf. Die von mir aufgebauten Unternehmen sind übergeben und seit vielen Jahren beschäftige ich mich intensiv und nur noch mit den Bäumen und den Wäldern Europas. Wie funktionieren diese Lebewesen, was erzählen sie uns, was können wir von ihnen lernen. Meine Fotos der alten Riesen berühren die Herzen der Menschen, meine Vorträge über die komplexen Lebensformen der Bäume und des Gesamtorganismus Wald faszinieren die Besucher und meine Ratschläge für ein naturnahes Leben mit Bäumen, auch und besonders in Städten, werden von immer mehr Menschen umgesetzt. Ich bin angekommen. Und die Bäume begleiten mich weiter in meinem Leben. Nur gut, dass ich 109 Jahre alt werde und noch einige Zeit habe, mich für sie einzusetzen.

© Conrad Amber