Die ewigen Riesen

Sieben uralte Bergahorne erheben sich hoch oben im Mellental im Bregenzer Wald an einem sonnigen Kraftplatz in den Himmel. Hier oben auf der einsamen Waldalpe, in über 1100 Meter, leben diese Baumgreise seit 400 Jahren miteinander, festigen und verankern mit ihren tiefgründigen Wurzeln den Berghang, beschützen das Vieh vor intensivem Sonnenlicht und Gewitterstürmen und erstrahlen in ihrer atemberaubenden Form und Kraft seit vielen Menschengenerationen. Ich war schon oft oben bei den Baumriesen und jedes Mal verschlägt es mir erneut den Atem, macht mich bewundernd und demütig, bringt mich zur Ruhe und versetzt mich gleichermassen in Begeisterung.

Dieses uralte lebende Wesen, das mir zeigt, wie klein, unscheinbar und vergänglich ich bin und mich trotzdem mit seiner stolzen Sanftheit gefangen nimmt, mich nicht mehr los lässt. Ich ertaste die schuppige Rinde, streiche über die moosbedeckten Äste, erfühle die Urkraft des kolossalen Stammes. Manchmal schlafe ich an seinem mächtigen Fuß. Ich atme die sauerstoffsatte, frische Bergluft im Schatten der weit auskragenden Krone, genieße den atemraubenden Ausblick auf Berge und Tal und verstehe, warum es diesen Bäumen hier oben so gut geht.

Schon beim Abschied nehmen weiß ich, dass ich wiederkommen werde. Hier lernt man zu begreifen, warum die Menschen Bäume verehren, anbeten und sie achten.

Und letzthin war es wieder so weit. Ich führte eine Gruppe begeisterungsfähiger und interessierter Menschen hinauf durch den Bergwald zu dem Reich der Baumriesen. Hinauf zum Kraftort der Bäume. Immer wieder mache ich kurze Pausen, erkläre den Begleitenden, wie Wald funktioniert, warum ein Mischwald für unsere Berge und unsere Welt der bessere, weil natürliche Wald ist, wie dieser Wald das Klima des Tales und Landes beeinflussen kann. Wie dieser Wald mit seinen unterschiedlichen Bäumen das Regenwasser zurück hält, die Berghänge befestigt, die Atemluft filtert und unzähligen Organismen Nahrung und Lebensraum bietet und was wir daraus alles lernen können.

Im Anblick der Bergahorne bleibt meine Gruppe fasziniert stehen, sie staunen und lachen, sie sind begeistert. Es wird gefragt, fotografiert, erfasst und begriffen. Die Fragen enden selbst nach einer Stunde nicht und ja, es gibt tatsächlich unendlich viel zu erzählen. Selbst nach 10 Jahren intensiver Beschäftigung mit Bäumen, besonders auch mit diesen Bergahornen, bin ich immer wieder ratlos und versuche zu verstehen. Bäume sind hochkomplexe, sensible und reagierende Lebewesen, viel größer und älter als wir. Je mehr ich darüber weiß, um so mehr möchte ich noch lernen und wissen. Letztlich werden wir nie alle Fragen über Bäume beantworten können und das ist - da bin ich mir sicher - auch gut so.

© Conrad Amber