Die Mutter des Waldes

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Die Mutter des Waldes | story.one

Reiss dich zusammen! Jetzt bist Du schon stundenlang gefahren und gewandert, so kurz vor dem Ziel gibt man nicht auf! Weichei!

Diese hochmotivierenden Gedanken und meine verachtliche Sichtweise auf aufkommende Schwäche haben wohl dazu geführt, letztlich meinen Megabaum zu finden. Eine 500 jährige Fichte mit 800 cm Stammumfang. Sagenumwoben, eine Urgestalt, kaum zu fassen, dass es sowas noch gibt.

Der Loiblpass verbindet Kärnten (Österreich) mit Slowenien. Eine sehr steile, engkurvige Straße führt in dieses weite, bergige Waldgebiet auf über 1300 Meter. Ein verlassenes, zerfurchtes und schier unendliches Nadelwaldgebiet.

Hier irgendwo, in den bewirtschafteten Wäldern der Bundesforste, die rein auf Ertrag und somit monokulturell angelegt sind, lebt dieser einmalige, uralte Nadelbaum, von dem mir berichtet wurde. Wie zum Trotz als Relikt, als Urmutter des Waldes. Sie lebt irgendwo abseits einer langen Forstraße, die man ohne Bewilligung nicht mit dem PKW befahren darf. Aber mein Allradkombi und die offene Schranke zeigten mir - der ich Signale zu deuten weiß - dass es mit Auto bequemer und schneller geht.

In einer steilen Kurve ist dann Schluß. Der Regen der letzten Tage hatte den steinigen Berghang aufgelöst und ihn auf den Forstweg geschoben. Ende der Bequemlichkeit. Von hier ab ging es zu Fuß. Mit 16kg Fotoausrüstung und Proviant, man weiß ja nie, was einen erwartet.

Die Wegbeschreibung der Dendrologin (Baumwissenschaftlerin) war genauso präzise, wie etwa das Unterholz, durch das ich mich gerade zwängte.

Ich war um 5 Uhr früh vom Gasthaus gestartet, der nächtliche Regen hatte aufgehört, einige feuchte Nebel klammerten sich im Fichtenwald fest, darüber war es hellgrau. Jetzt, gegen Mittag, stapfte ich rund 2 Stunden verschiedene Pfade ab, auf der Suche nach der Urmutter dieses Waldes.

Der Weg ist das Ziel, das ist oft meine Motivation mit Aussicht auf ungeplante Fotomotive. Hier gibt es Wölfe, Adler und vielleicht auch Trolle.

Andererseits bietet ein Wirtschaftswald relativ wenig Abwechslung und kaum lohnenswerte Motive, wenig Orientierungshilfe dafür Kratzer an Armen und Beinen. Und dann dieser Moment, als ich kurz daran dachte, aufzugeben. Wo sich meine innere Stimme zu Wort meldet, ziemlich unmissverständlich.

Diesmal laufe ich noch weiter und noch länger in die beschriebene Richtung. Und da steht sie plötzlich vor mir! Sie wurde oft vom Rotwild verbissen, hatte im Überlebenskampf viele Stämmlinge ausgebildet. Eine grandiose Erscheinung. Über 30 Hektar Fichtenwald würde von ihr abstammen, heisst es. Ich umarme sie überglücklich und dankbar.

Als ich gegen Abend zum Auto zurückfand, wurde ich von einem Revierförster in die Mange genommen. Als er aber dann meine Fotos des Baumes sah, war er begeistert und besänftigt. Ich durfte ohne Strafe wieder die inzwischen geschlossene Schranke passieren!

© Conrad Amber