Jetzt sterbe ich

Das Rauschen in meinen Ohren nahm zu, ich falle. Aus einer 30 Meter hohen Eiche, die ich zuvor erklettert hatte, die Sicherung falsch eingefädelt, der Ast bricht ab und es geht kopfüber abwärts. „Das war’s, jetzt sterbe ich“...schießt es durch meinen Kopf. Augenblicke später ein gewaltiger Ruck und ich hänge mit meinem rechten Bein in einer Astgabel, schlage mit meinem Hinterkopf am Stamm auf.

Die Bäume hatten mich schon früh in ihren Bann gezogen. Als junger Bub kletterte ich oft auf die Buchen des nahen Waldes. Mit der Zeit hatte ich genug Mut und Kraft, um in der Krone einer Buche über dünne Äste zur nächsten zu springen. Das imponiert nicht nur den anderen Jungs. Ein traumähnliches Erleben, ganz weit oben. In der wiegenden Krone eines Baumes zu hängen, weit unter dir der Waldboden, ober Dir nur der Himmel. Das war Freiheit und Glücklichsein in unvergleichbarer Verschränkung. Immer wieder erkletterte ich Bäume, später natürlich mit Seil, Sicherung und Helm. Die Faszination ist geblieben, obgleich es sich als Erwachsener nicht mehr gleich anfühlt. Die Angst klettert mit, das Denken und Bedenken, das Abwägen. Aber das war alles vor diesem schlimmen Fall.

Ein heftiger Schmerz in meiner rechten Schulter reißt mich aus der Bewusstlosigkeit. Es braucht einige Augenblicke, bis ich mir Klarheit meiner verzwickten Lage verschafft hatte. Mein Handy liegt 12 Meter unter mir am Fuße der starken Eiche, die mich erst abschüttelte und dann doch noch aufgefangen hatte. Meine Schulter ist gebrochen, einige Finger der linken Hand auch, am Kopf rinnt warmes Blut über die Stirn und tropft weit nach unten.

Irgendwie habe ich den Abstieg am Seil - wohl noch im Schock des Erlebten - geschafft, finde mein weit weg abgestelltes Auto im abgelegenen Wald und fahre schwer lädiert und auch traumatisiert nach Hause. Einige Stunden später liege ich im Spital auf dem OP-Tisch und schlafe sanft ein, endlich schmerzfrei. Ich hatte nochmals Glück und es war Zeit, mein „gefährliches Bäume erklettern“ mit einem etwas weniger risikoreicheren „Bäume fotografieren“ zu tauschen. Das war mein Versprechen an meine Ehefrau, die zuhause mit drei Töchtern gebangt hatte. Von da an hatte sich mein Leben grundlegend verändert.

Inzwischen sind viele Jahre vergangen, die Narben an der Schulter sind geblieben, jetzt wird mit männlichem Gehabe stolz erzählt, was damals geschah. Immer wieder wird mir aber bewußt, wie knapp ich einst am Tod vorbei gefallen bin. Dankbar für meine zweite Chance.

Meine Beziehung und Liebe zu den Bäumen ist seither lebensbestimmend geworden. Ich begegne ihnen mit Respekt und Demut, ich bewundere diese großen Lebewesen. Ein Teil dieser Achtung findet sich in meinen Baumfotos wieder, mit denen ich Menschen berühren kann. Und meine Geschichten können manchmal wohl die Beziehungen und Ansichten zu unseren großen Freunden verändern.

© Conrad Amber