#baumwelten

Kein Handy und dennoch glücklich

  • 334
Kein Handy und dennoch glücklich | story.one

"Es ist ein wilder Haufen, hast Du Lust?" Das Telefonat von Thomas kam unerwartet, hat mich nach den ersten Worten gefesselt. Er betreut eine Gruppe junger Leute, die es schwer haben. Es sind Schulabbrecher, sie sind unsicher und verzweifelt, denn sie finden auch keine Jobs. Sie haben kaum Interessen, Vorlieben oder Talente. Sie empfinden sich als Versager, als Abfall der Leistungsesellschaft. Manche kommen aus desolaten Familienverhältnissen, manche aus wohlhabenden aber entmenschlichtem Hause. Sie alle vereint der Wille, ihr Leben zu ändern. Ein intensives Jahr zusammen. Sie lernen, reden, kochen gemeinsam. Sie bekommen beinahe täglich inputs von Menschen "da draussen" damit einher Motivation und Unterstützung.

Seine Frage an mich war, ob ich einen Tag mit den Teens verbringen will. Aus meinem Leben erzählen, ihnen einige meiner fotografischen Kenntnisse beibringen und ihnen von Bäumen, Wald und Natur erzählen könnte. Ja, gerne - war meine Antwort. Das war Neuland für mich und deshalb spannend.

Der Tag mit der Gruppe begann gespannt und nervös. Wir sassen im Sitzkreis und jede(r) von ihnen stellte sich vor, erzählte von sich und den Erwartungen an heute. Und dann war das Wort und die Zeit bei mir.

Aus meinem Leben zu erzählen, fiel mir nicht schwer. Ich war ja immer selbst dabei. Trotzdem wollte ich das so bringen, dass meine Erlebnisse und die Erfahrungen hilfreich und motivierend sind, positiv ankommen. Von meinem Unternehmertum, meinem Lebensstil damals und der von heute, der sich völlig gewandelt hat. Von meiner Familie, meinen Abenteuern draußen im Wald, meinem Sturz aus dem Baum, meinen immer wieder neu eingeschlagenen Wegen und den Risiken, die es galt, dafür einzugehen.

In ihren Augen war kaum eine Regung zu sehen, in ihren Gesichtern nicht viel Teilnahme. Ich dachte, so was hatten sie schon öfters gehört. Dann wurde gemeinsam gekocht und gegessen, die Stimmung lockerte sich.

Nachmittags stand der Waldausflug am Programm. Handys, Kopfhörer, Zigaretten blieben im Kursraum. Sprechen war nicht erlaubt. Wir machten öfters Pause, ich erklärte den jungen Menschen, wie der Wald als Gesamtorganismus funktioniert. Wie Bäume einander helfen, wie sie kommunizieren. Zuerst Unverständnis, dann Fragen und Interesse. Wir griffen Rinden an, rochen an Blättern und Blüten. Wir wateten barfuss im Morast und berührten Brennesseln und Dornen. Wir lernten, warum das alles Sinn macht. Es gibt keinen Abfall im Wald, alles hat Funktion und wird wiederverwertet . Wir kletterten auf liegende Baumstämme und durchdrangen dichte Strauchbereiche. Das Abenteuer hatte begonnen und gewirkt. Begeisterung, Neugierde, Lachen...

Später dann erfuhr ich, dass ein junger Mann aus der Gruppe nun Landschaftsgärtner werden will, ein Mädchen wollte eine Fotografenlehre starten, und die anderen...hatten verstanden.

© Conrad Amber 26.01.2020

#baumwelten