Lebenswille

Das Feuerinferno, ausgelöst durch einen Blitz, hatte ganze Arbeit geleistet.Vom einstigen stattlichen, 500jährigen Lindenbaum dort oben am Pass Gschaidwar nur noch eine schwarze, düstere Gestalt geblieben, die gespenstisch in den Himmel ragt. 500mal hatte sie im Frühjahr ausgetrieben, im Sommer duftend geblüht, im Herbst ihr Laub abgeworfen. Sie hatte sich erfolgreich gegen Stürme gewehrt, gegen trockene Sommer und Pilzbefall. Sie war, wie ihre beiden Schwestern an der höchsten Stelle des Berghanges von den Bauern als Haus- und Wegbegleiter gepflanzt worden, hatte all die Menschengenerationen beschattet, begleitet, ihnen Lindenblüten gespendet und ihre Honigbienen versorgt.

Die alten Lebewesen mit einem sehr erfolgreichen Überlebens-Konzept gehören seit jeher – ob ihrer enormen Gestalten - zu den Sehenswürdigkeiten der Gegend. Über Nacht war aus dem stattlichen Baumwesen eine verkohlte, brüchige Gestalt geworden.

Linden sind - entsprechend ihrer Lebensweise – in diesem Alter hohl, das Feuer hatte leichtes Spiel. In einem glühenden Kaminbrand vernichtete es alles Leben in wenigen Stunden. Und nun erforderte die Verkehrssicherheit, dass der Landwirt als Besitzer des Riesenbaumes, die verkohlte Gestalt fällte und vom Wegesrand entfernte.

Das allerdings brachte er nicht ganz über’s Herz. Auf 5 Meter Höhe schnitt er den Baumstamm ab. Der verkohlte Baumstumpf möge von der Riesenhaftigkeit des einstigen Baumes Zeuge für Wanderer und Besucher sein. Als unübersehbares Zeichen, dass alles Leben endet. Das eine so, das andere so.

Noch im selben Jahr waren oben am Stammschnitt einige grüne Zweige entstanden. Offenbar gab es in den äußeren Schichten eine Kambiumbahn, die diese Feuersbrunst überstanden hatte und das riesige Wurzelwerk des Baumes half mit großer Energie mit, diese Bahnen wieder instand zu setzen und neue Triebe auszubilden. Damit konnte die Linde wieder Fotosynthese betreiben und sich langsam stabilisieren. Nach zwei Jahren besuchte ich den Überlebenskämpfer erneut und siehe da, eine kleine Sekundärkrone war entstanden, dieser Baum gibt nicht auf.

Wenn wir in vielleicht 150 Jahren den Baum wieder besuchen könnten, stünde da vielleicht wieder eine stattliche, "neue" uralte Linde. Mit eigenartiger Stammform, denn wesentliche Teile wären weggemodert, andere wiederum würden neu mit Rinde überwallt und mit Adventivwurzeln neu verankert sein. Ihre Stammform würde vielleicht zu eigenartigen Spekulationen führen, aber ihre Form wäre mächtig, groß und kerngesund. Und sie wäre eine der wenigen, geschützten Baumdenkmäler, die fast 700 Jahre alt sind und ihre Geschichte aus einer längst vergangenen Zeit erzählen würde. Bäume sind lebende Zeugen aus der Zeit vor uns und erzählen unsere Geschichten in der Zeit nach uns.

© Conrad Amber