Schon fast tot.

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Schon fast tot. | story.one

54 Jahre und schon fast tot.

Sterben wolltest du ja schon immer, Mama. Nur natürlich muss es sein, sonst zahlt die Lebensversicherung nicht. Das hast du mir zumindest immer gesagt, nur so als Warnung, damit ich mich darauf einstellen kann.

Alt wirst du jedenfalls nicht, daran hast du keinen Zweifel gelassen. Heftiger Tabak für einen 8-jährigen, der sich den Verlust seiner ersten großen Liebe gar nicht ausmalen konnte.

Ein Plan musste her. Ein Autounfall ist da schon irgendwie naheliegend. Ganze 5 Stück hattest du. Alle ohne Gurt. Drei mal war ich mit im Auto. Einmal warst du schwer verletzt - Schädelbasisbruch. Erholt hast du dich trotzdem wieder. Zäh bist du ja.

Irgendwann hat das mit den Unfällen dann wieder aufgehört, war dir wohl zu mühsam. Dabei wurde das fast schon Routine für mich.

Dann kam die Selbstaufgabe, Alkoholismus inklusive. Schuld daran war ich, weil du alleinerziehend bist. Andere hätten da schon längst aufgegeben, hast du mich wissen lassen. Geopfert hast du dich für mich. Fast heroisch, irgendwie.

Magersüchtig warst du ohnehin schon immer. Essen gab es nur Mittags. Die anderen Mahlzeiten hast du durch Bier ersetzt. Ausgewogene Ernährung? Ein Fremdwort.

Arztbesuche gab es keine. Auch nicht als die ersten Anzeichen einer Herzinsuffizienz sichtbar wurden. Da war jedes Bitten und Betteln vergebens. Zu den Ärzten gehst du nicht, weil die mich während der Schwangerschaft mit einem Magengeschwür verwechselt hätten. Dein Misstrauen hat mich vor der Abtreibung bewahrt. Dankbar soll ich sein, sonst wäre ich jetzt gar nicht auf der Welt.

Zwei Jahre später dann doch die Diagnose: Dein Herz und deine Leber sind kaputt. Irreparabel. Der Alkohol hat ganze Arbeit geleistet. Monate im Krankenhaus folgten. Aufgepeppelt haben dich die Ärzte dann doch irgendwie wieder.

Nun war sie da. Deine Chance, auf die du so lange gewartet hast. Medikamente? Braucht du nicht. Dann geht das mit dem Sterben wenigstens schneller. Außerdem sind die sowieso falsch dosiert. Die Ärzte wissen ja nicht, dass du keine 80 Kilo auf die Waage bringst. Die richtige Dosierung spürst du schon.

Seit dem ist dein Leben eine lange Fahrt mit der Achterbahn. Nach dem tief zu Hause ohne Medikamente geht es im Krankenhaus wieder bergauf. Nur nicht mehr ganz nach oben, wie das bei einer Achterbahn eben so ist. Drei Jahre geht das nun schon so.

Mittlerweile ist die Fahrt fast zu Ende. Die Energie für eine weitere Fahrt bergauf ist schon verbraucht. Und so liegst du da, angeschlossen an unzähligen Schläuchen. Deinem Ziel so nahe.

54 Jahre und schon fast tot.

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