Eine Jahrmarktsattraktion

Vielleicht war das ja doch keine gute Idee gewesen, nach Las Vegas zu fliegen, um zu beweisen, dass ich trotz Schlaganfall immer noch alleine verreisen konnte. Leider war mein Rollator nicht verladen worden und so schleppte ich mich auf meinen Rollkoffer gestützt wackelig durch die Nacht. Im Mietwagen fühlte ich mich etwas besser, aber ich fand die Einfahrt zum Hotel nicht gleich, denn ich war total geblendet von den zahlreichen riesigen Bildschirmen, die mir überall entgegen strahlten. Die Dunkelheit der Wüstennacht war anscheinend dem gleißenden Licht von flackernden Geräten gewichen.

Ich war schon zuvor im Riviera abgestiegen, nur da konnte ich noch gehen, jetzt aber war alles anders. Die Wege waren endlos, quer durch diese klingelnden Slotmachines auf grausig gemusterten Teppichen, aber das Wohnen hier war zumindest nach wie vor günstig. Es musste einfach dieses Hotel sein, denn ich war Filmfan und Scorsese hatte schließlich seinen Film „Casino“ hier gedreht.

Das Hotel stellte mir einen übergroßen Rollator zur Verfügung, während ich auf meine eigene Gehhilfe wartete, die in zwei Tagen in Las Vegas erwartet wurde. Irgendwie hatte hier wohl alles Übergröße.

Ich beschloss, den Tag am Hotelpool zu verbringen, denn es hatte schließlich über 40 Grad. Viele Menschen tummelten sich dort, sie waren laut, spielten mit Bällen, waren betrunken, sprachen meist Spanisch und verdrängten zu viel Wasser. Ich beobachtete von meinem Platz unter einer Palme die Krähen, die am Beckenrand ihren Durst stillten, doch die pöbelnde Meute im Wasser spritzte die Vögel immer wieder an und fand das extrem lustig. Dann traf mich ein Wasserball am Kopf, was ich mit einem bösen „F+++!“ kommentierte.

Plötzlich stand ein kleinwüchsiger, dunkelhäutiger Mann mit sehr langen Haaren vor mir und entschuldigte sich gestenreich. Ich nahm jetzt erst wahr, dass ich in einer größeren Gruppe kleinwüchsiger Männer saß, aber das waren nicht irgendwelche Männer, das war eine Gruppe von mexikanischen Wrestlern! Sie waren berühmt, deshalb umschwirrten sie allerlei Frauen mit sehr knappen Bikinis.

Ich begann mich mit den Wrestlern zu unterhalten, teilte ihnen auch mit, dass ich sie aus einem Musikvideo kennen würde, was die Jungs hochinteressant fanden. Einige von ihnen rückten mir schon bedenklich auf die Pelle, was den anwesenden Groupies nicht wirklich gefiel. Sie setzten sich in Szene, um die Jungs von der behinderten Frau abzulenken, aber die Wrestler unterhielten sich weiter mit mir.

Am Ende wurde ich zu ihrer Show eingeladen, was ich aber dankend ablehnte, denn mir war zuwider, dass sich eine johlende Menschenmenge an körperlich eingeschränkten Personen ergötzen sollte. Mich erinnerte das zu sehr an die Freakshows, die es vor Jahren auf Jahrmärkten gegeben hatte. In so eine Situation wollte ich mich wirklich nicht begeben.

Ich fuhr lieber in die Wüste, wo es viele Sterne und keinerlei Bildschirme gab.

© Dagmar Rieger