Eine zarte Liebe

Meine Oma und ich saßen oft zusammen, tranken Kakao oder Kaffee und sie erzählte von ihrem Leben.

Jede Woche wurde das Mädchen mit einer Kutsche zur Klavierstunde in die nahe Stadt gebracht. Sie wählte sorgsam ihre Kleidung aus und entschied sich für eine prächtige Schleife, die ihr glänzendes dunkles Haar zur Geltung bringen sollte. Sie wurde mit einer Felldecke zugedeckt und los ging die Fahrt. Die Pferde spürten die Wölfe im nahen Wald und waren entsprechend unruhig. Der Kutscher hatte seine liebe Not, meine Oma in die Stadt zu bringen.

Endlich sah sie den Mann wieder. Eine Woche kann endlos lange dauern, wenn man auf seinen Liebsten wartet. Er öffnete die Tür und bat sie herein. Er war so süß, - sie schmolz dahin, als er ihr eine Praline anbot. Seine strahlend blauen Augen, seine Grübchen, wenn er lachte, seine stattliche Gestalt. Er nahm ganz sanft ihre Hand und geleitete sie hinüber zum Flügel, wo schon die Noten aufgeschlagen lagen. Sie liebte seine Berührungen, versuchte sich ein wenig näher an ihn zu schmiegen, aber er wich ihr höflich aber bestimmt aus. Sie sollte bei ihm das Klavierspiel erlernen, nichts anderes, obwohl er sie schon ziemlich gerne hatte.

Er machte ihr Komplimente, sie senkte ihren Blick, wagte es kaum, den angebeteten Mann direkt anzusehen. Sie begann Für Elise zu intonieren, verspielte sich aber immer wieder. Dahinter steckte weniger Aufregung als Absicht, denn sie wollte einfach nur, dass er sich ihr näherte, sie sanft zurecht wies, ihr besondere Aufmerksamkeit zukommen ließ.

Die Klavierstunde war leider viel zu schnell vorbei. Er half ihr galant in den Mantel, wobei er sie ermahnte, mehr zu üben. Sie hätte ihn so gerne auf den Mund geküsst, wagte aber dann doch nur ein kleines Küsschen auf die Wange. Ihr wurde heiß, er hatte so schöne, lange Wimpern. Dieser Mann hatte sie so ganz und gar gefesselt, sie wollte seine Hand nicht loslassen.

Der Kutscher verpackte das Mädchen in ihrer Felldecke, sie winkte ihrem Geliebten noch zu, dann ging die wilde Fahrt erneut los. Es begann schon dunkel zu werden und der Kutscher trieb die Pferde gnadenlos an. Das Gespann war schon nahe dem Zuhause, als ein Wolf sich näherte. Die Pferde scheuten, die Kutsche fiel zur Seite, der Kutscher sprang ab, die Pferde stoben in vollster Panik in ihrem Geschirr davon. Das Mädchen verkrock sich in ihrer Decke und rief den Namen ihres Geliebten, der sie aber nicht hören konnte.

Die Pferde hatten die Kutsche bedingungslos mit sich geschliffen und so kam das Gefährt mit seiner wertvollen Fracht doch noch zu Hause an. Die Bediensteten liefen aufgeregt um die verknautschte Kutsche herum, nahmen das Mädchen aber schützend in ihre Arme, sobald sie es gefunden hatten. Der Kutscher blieb indes im Wald verschwunden.

„Hattest du Opa so kennengelernt?“, fragte ich. „Ach nein, Puppilein, den habe ich viel später getroffen, aber meine erste große Liebe habe ich nie vergessen. Ich war schließlich erst vier Jahre alt, als ich ihn traf.“

© Dagmar Rieger