Heiße Nächte

Es war viel zu heiß, um gut und ruhig schlafen zu können. Meine Katze, die mein ständiges Herumwerfen im Bett mit Spielbereitschaft verwechselte, stürzte sich immer wieder unvermittelt fröhlich auf mich und verlangte zusätzliche Streicheleinheiten. Wieder eine dieser Nächte in meiner Wohnung unterm Dach, die mich am nächsten Morgen aussehen lassen würden wie vom Bus überfahren.

Die Fenster der Nachbarn standen offen, entferntes Lachen und Reden war zu hören, einige flüsterten, andere unterhielten sich etwas lauter, es war schon weit nach Mitternacht. Manche Nachbarn hatten sogar die Jalousien heruntergelassen als Abgrenzung zur immer noch herrschenden Hitze oder gegen die Sonne, die in etwa drei Stunden wieder aufgehen würde. Die Jalousien klapperten und quietschten elendiglich. Die vereinzelt laufenden Kühlgeräte in der Umgebung lieferten mit ihrem stetigen Brummen den Soundtrack zu diesem einsamen Schauspiel im Halbdunkel. Eine Hochsommernacht in der Stadt, zu viele Menschen und Geräusche, zu viel Licht, zu viel Schlaflosigkeit, zu viel Nähe in den Schlafkojen der Menschen, die in diesen dicht aneinandergereihten Käfigen zu leben versuchten und sich vermutlich ebenso verschwitzt in ihren Betten wälzten wie ich selbst.

Meine Nachbarin schien besonderen Spaß an ihrer automatischen Jalousie gefunden zu haben, rauf und runter bewegte sich ächzend dieses grauenvolle Ding. Ich versuchte, weg zu dämmern, doch mich entnervte diese unbestimmte Geräuschkulisse, die irgendwie rhythmischer zu werden schien. Das Quietschen folgte jetzt dem gegen die Wand geschlagenen Beat. Ruhe verdammt noch mal, mein erster Gedanke, lasst mich doch endlich schlafen!

Aber meine Wand ist auch ihre Wand, kein Abstand, keinerlei Abgrenzung, dünn wie Seidenpapier. Das Quietschen klang eigentlich mehr wie dauernd gekautes Hundespielzeug oder wie diese Hühner aus buntem Plastik ohne Federn. Wer quiekt denn bitte mitten in der Nacht? Meine Nachbarin anscheinend.

Hatte sie etwa gerade Sex? Wirklich? Wahrhaftig, Sex? Wieso das mir? Kann sie nicht schweigend Sex haben oder mit wenigen Lauten oder so wie ich, - gar keinen? Schwierig, wirklich schwierig. War ich etwa neidisch auf ihre gelebte Körperlichkeit? Aber nein doch, ich wollte zwar Körperlichkeit und Berührung, nur sicher nicht jetzt.

Wie lang dauert dieses Gequieke denn noch? Hört das denn nie auf? Ich würde niemals so derartig quieken, also wirklich. Sind die endlich mal fertig, oder was? Von ihm hört man ja eigentlich gar nichts, von ihr um so mehr. Wieso passiert mir das? Bin ich prüde, weil ich Sex privat finde und folglich nicht dabei zuhören will? Und weiter geht’s, die brauchen echt ewig und quietsch und quiek und überhaupt. Langsam nervt’s ziemlich. Soll ich laut böse Lieder zu singen beginnen? Macht schon, los!

Ich will nichts mehr wahrnehmen. Lasst mich doch ENDLICH einfach nur schlafen!

© Dagmar Rieger