Es war nur ein Traum

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Es war nur ein Traum | story.one

Der Blick übers Meer, der feine weiße Sand unter meinen Füßen und der Hauch von einer kleinen Windböe, das ist im Moment, das, wovon ich träume.

Einmal mit den Füßen ins Wasser tauchen, in der Sonne liegen und sich von den Gedanken treiben lassen, das wäre mein größter Wunsch gewesen.

„Mama?“, fragte mich meine Tochter voriges Jahr. „Was kann ich Papa zum Siebziger schenken?“

„Vielleicht einen Ausflug“, antwortete ich. „Du weißt, wir sind nicht anspruchsvoll.“

„Vielleicht zum Gardasee? Dort wollte er doch schon immer hin.“

Gestern wäre der Tag der Abreise gewesen. Wir vier hatten uns schon so darauf gefreut. Nur leider hat uns das Virus einen Strich durch die Rechnung gemacht und obwohl wir eine Reiseversicherung abgeschlossen hatten, blieben wir auf der Anzahlung sitzen. Uns wurde noch nicht einmal angeboten, die Buchung auf das nächste Jahr zu verschieben.

Das ist ärgerlich – am liebsten hätte ich mit der Faust auf den Tisch geschlagen, oder den Reiseveranstalter gekillt, als man uns das mitteilte. Aber was bringt das schon? Im Knast Urlaub machen ist auch nicht gerade erstrebenswert. So dachte ich mir, wir sind sicherlich nicht die Einzigen und schob die Enttäuschung weit weg von mir.

Um doch noch den ersten Urlaubstag zu genießen, und so zu tun, als würden wir gemeinsam zum Gardasee fahren, packte ich symbolisch meinen Koffer, den uralten, der schon seit Jahren im Garderobenschrank stand. Es spielt ja keine Rolle, dass er bald auseinanderfiel? Es sollte ja nur ein Gag sein.

Ich legte das uralte Ding in den Kofferraum und setzte mich in das Auto meines Schwiegersohnes. Mein Mann saß inzwischen neben mir.

Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass meine Tochter, die vorne auf dem Beifahrersitz saß, gleich ausflippen würde – denn sie konnte mit meinen Späßchen überhaupt nichts anfangen – aber nichts dergleichen geschah.

Während der Kellner uns das Essen servierte – mit Maske versteht sich, kamen wir alle ins Schwärmen.

Nur was nützt die Schwärmerei, wenn wir im Hier und Jetzt leben und im Moment überhaupt nicht verreisen können?

„Mama“, sagte meine Tochter. „Wir holen das nach. Wir fahren im nächsten Jahr dort hin.“

„Ich weiß nicht“, antwortete ich. "Was ist, wenn die Luftblase wieder platzt?"

"Mama! Das wird schon nicht passieren."

So ist meine Tochter. Manchmal sehr anstrengend, aber dennoch sehr liebenswert.

© dagmar unterrainer