Goethe schreibt Speisekarten

Sie tragen einfache rote Trachtenkleider. Keine von ihnen spricht Deutsch. Aber hier möchte ohnehin niemand mit ihnen reden, außer der Hausdame. Sie trägt ein opulentes Dirndl. In ihrer Muttersprache weist sie eines der Zimmermädchen deutlich zurecht. Sie wendet sich von ihr ab und verdreht die Augen, bevor sie mir im Vorbeigehen ein: "gut schaut das aus" entgegen schleudert. Dann höre ich ihn kommen. Lodenmantel, Hut, Stiefel, kurze Kommandos. Das will er nicht. Er will es anders. Er will es größer, oben breiter. Er will unten weniger Verzierung. Er will dass ich mitkomme, wir gehen zu den neuen Personalräumen. Dort erklärt er mir, wie wichtig es sei dass die Gäste sehen wie viel ihm seine Mitarbeiter wert sind. "Heutzutage machen alle Videos oder sie fotografieren. Das zeigen sie zu Hause her. Schau, da war ich, und schau wie toll die Garderoben gestaltet sind. Du schreibst in goldener Schrift ´Umkleide Mitarbeiter´ an die Wand.“

In dem Moment geht die Tür auf und ein Kochlehrling steht mit der Klinke in der Hand vor uns. Verlegen wechselt sie die Farbe, und sagt leise: “Grüß Gott.”

“Halt, bleib genau so stehn!" rief er. Sie macht große Augen und hält inne."Geh einen Schritt nach links, nein nicht nach rechts, links! Genau, und einen Schritt nach hinten, sodass du unter dem Türstock stehst." Ihr Gesicht ist jetzt noch roter. "So und jetzt zeigst du mit dem Finger auf die Wand." Sie zeigt mit dem Finger auf die gegenüberliegende Wand. "Nein nicht auf uns, auf die Wand neben dir" Sie zeigte auf die Wand neben sich. "Auf die andere Wand! Herrschaftszeiten! Das ist doch nicht so schwer zu verstehen!" Jetzt zeigt sie auf die Wand wo später der goldene Schriftzug stehen soll. “Genau, und jetzt lächle.” Sie tut sich schwer dabei, einer ihrer Mundwinkel zittert. Ich frage: “Was wird das?” Er ignoriert mich und sagt zu dem Mädchen: “lächle noch einmal, aber jetzt richtig.” Dann fragt er grinsend: “ist das nicht ein herrliches Bild?

So und jetzt mach ein Foto von ihr.”

“Das möchte ich nicht" Sie erwidert:“ist schon ok, du kannst ein Foto machen.” Das Mädchen rührt sich immer noch nicht vom Fleck. Sein Blick verfinstert sich.

Ohne Foto gehe ich zurück zu meiner Kiste in der sich die Arbeitsutensilien befinden. Ich hebe sie hoch und gehe durch eine Hintertür raus.

In dieser Nacht träumte ich davon 20 Jahre älter zu sein. Im Flur des Hotels traf ich auf die Frau, die ich heute bin. Ich zeigte mir selbst die Malereien, mit denen ich die Wände wild, bunt und chaotisch beschmiert hatte. In einem großen Buchstabenwirrwarr konnte ich “Nelly Bic Mac” und “ich bin eine Zygote” lesen. Vor einem gezeichnetem Dirndlkleid blieb ich mit meinem jüngeren Ich stehen. Symbole wie Lebensbaum, Vogelpaare und Dreispross waren rot durchgestrichen. "Geschnürtes und geknöpftes Gedankengut verboten" stand unter "Fuck off Gertrud Pesendorfer." Ein paar Meter weiter überragte in großen neonfarbenen Lettern ein Schriftzug alles andere:

"Goethe schreibt Speisekarten"

© Dagmar