Kognitive Dissonanz

Isolde rief mich an. Es ging um das Akademiefest in Lucca.

"Stell dir vor, mein Sohn hat mir abgesagt, wegen dem Zivilprozess wolle er nicht mitfahren, also ich weiß nicht mehr...alle diese Anschuldigungen sind doch Mist!"

Die Ehefrau, des Mannes dessen Causa ich in der Zeitung gelesen habe, kennt sie schon ewig. Sie habe sich vorhin bei ihr gemeldet, Isolde, habe sie gesagt, du lässt uns doch nicht auch noch hängen?

"Stell dir vor, die Arme! Was die jetzt durchmachen muss!"

"Alleine kann ich nicht mit dem Auto fahren, wegen der Sache mit dem Rücken. Die Tabletten, die machen mich müde. Würdest du mit mir kommen dann könnten wir drei schöne Tage in Italien verbringen. Wäre das nicht toll? Die Künstler, du weißt ich brauche ihre Gesellschaft."

Isolde ist 33 Jahre älter als ich. Unsere Begeisterung für Thomas Bernhard's Bücher führte uns vor 15 Jahren zusammen. Seitdem pflegten wir eine Freundschaft.

"Ich befürchte da muss ich dich enttäuschen und ich finde, dass man die Tatsache, dass ihm übergriffiges Verhalten und strukturelle Gewalt vorgeworfen werden, nicht bagatellisieren sollte."

Sie wurde laut: "Dieser Blogger dieser Nichtsnutz, der verbreitet diesen ganzen Unfug! Was glaubt denn der wer er ist? Das ist doch überall so in den großen Konzerthäusern! Ich weiß schon wer sich jetzt hier wichtig macht! Alle die, die keine Rolle bekommen haben! Aus Rache weil sie zu schlecht waren. Am lächerlichsten ist ja überhaupt die Geschichte mit dem Schreien! Hat der Karajan etwa nicht geschrien oder Carlos Kleiber!? Die waren doch alle Choleriker. Das ist nur niederträchtiges Geschwafel welches der gezielten Vernichtung dient und sonst gar nichts. Er ist und bleibt ein Genie!"

"Ich glaube du versuchst gerade die kognitive Dissonanz zu überwinden. Ihr kennt euch, du bewunderst seine Arbeit, ich weiß, aber muss man nicht das Werk vom Künstler trennen Isolde?"

"Bei aller Liebe Dagmar, NEIN muss man nicht!"

Wir verabschiedeten uns wenig später. Es war klar dass wir auf keinen grünen Zweig kommen würden. Für mich war das in Ordnung, ich muss nicht immer mit jemanden gleicher Meinung sein um ihn zu mögen.

Kurz darauf läutete mein Handy erneut. Isolde ruft an.

"Ich hab jetzt aber nicht dich gemeint! Weil ich gesagt habe, 'die dumme Kuh die spinnt doch auch' Da hab ich jetzt mit meiner Schwester über jemand anderen gesprochen!"

Ich habe schnell kapiert um was es geht. Sie dachte wohl sie hätte nicht aufgelegt.

Ich fragte sie: "Wen hast du denn gemeint?"

Sie stotterte: "du weißt schon, jedenfalls nicht dich, also ich muss jetzt los, wir hören uns! Ciao ciao!"

Das taten wir seither nicht mehr. Ich habe meine kognitive Dissonanz diesbezüglich immer noch nicht überwunden.

© Dagmar