Sagenhaft

Ich stand im Restaurant 'Sagenhaft' in Grödig bei Salzburg. Noch war es eine Baustelle. In meinem Kopf hörte ich 5 Stimmen:

Die des Architekten der über das Interieur sprach.

Die des Gastronomen der von Kaiser Karl und den Besonderheiten des Untersberg Marmor erzählte.

Die meiner Schwester, die Fragen zu dem Marmorabbau-Bild stellte, welches wir gemeinsam für das Lokal malen sollten.

Die von Karl Heinz Böhm wie er über sein Leben sprach und meine innere Stimme, die mich ermahnte schnell nach Tirol zu fahren um das Interview was ich mit ihm führte vor Redaktionsschluss zu verschriftlichen.

Keiner von uns bemerkte wie in der Küche durch die wir rein kamen eine Schiebeglastür eingesetzt wurde. Als ich im Laufschritt das Lokal verließ krachte ich gegen das Glas. Mit einer klaffenden Wunde über dem Auge fiel ich nach hinten und verlor das Bewusstsein.

"Naja, der Gescheitere gibt nach!" hörte ich den Notarzt sagen.

"Was macht der Hubschraube da!?"

"Verdacht auf Schädelbasisbruch, die Autofahrt ist zu riskant." Ich verlor erneut das Bewusstsein. Im UKH kam ich zu mir als ein Chirurg meine herunterhängende Augenbraue nähte. "OK, Danke! Ich geh aber auch gleich wieder, mein Interview, Karl Heinz Böhm, ich muss…"

"Sie müssen 24 Stunden hier bleiben!" Schädelhirntrauma Grad 3, Verletzungen an der Halswirbelsäule, Bewusstlosigkeit...

Das nächste Mal wachte ich in einer Abstellkammer auf, wo die Krankenschwester mir ins Auge leuchtete: "Wie heißen Sie? Was ist heute für ein Tag?

"Ein erinnerungswürdiger! " sagte ich.

Das ist 13 Jahre her. Karl Heinz Böhm ist einer meiner größten Helden. Ich bin keine Journalistin. Ein Zufall führte dazu, dass mir die ehrenvolle Aufgabe zuteil wurde mit ihm zu sprechen.

Damals lag er nach einem Unfall in einem Salzburger Krankenhaus. Sein 80. Geburtstag stand bevor. Er sprach über die menschenverachtende Diskrepanz zwischen Arm und Reich, davon dass Afrika Europa aufgrund des Klimawandels bald überschwemmen würde; er erzählte von den einzigen sechs Stunden seines Lebens in denen er willens war die Arbeit für "Menschen für Menschen" niederzulegen; von Mahatma Gandhi und Mutter Teresa. Durch seine Organisation konnten bis heute Millionen Menschen vor Dürrekatastrophen etc. gerettet werden .

Glauben Sie an Schicksal? Fragte ich ihn.

"Nein. Ich bin ein Realist. Ich glaube, dass die Verhaltensweisen die wir manchmal von einem auf den anderen Tag ändern Wirkungen und Auswirkungen zur Folge haben die nicht geplant waren. Dass das Leben irgendwie von irgendwem unabwendbar voraus geplant sei, ist zwar vorstellbar, aber das würde bedeuten, dass sich die Hungersnot in Äthiopien dem Einfluss der Menschen entzieht und das will ich nicht glauben!"

2014 starb Karl Heinz Böhm mit 86 Jahren in Grödig bei Salzburg. Auf seinem Grabstein aus Untersberger Marmor steht: "Es gibt keine erste, zweite oder dritte Welt! Wir leben alle auf ein und demselben Planeten, für den wir gemeinsam Verantwortung tragen."

© Dagmar