Anfang

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Wels September 1981. Erste Klasse Handelsakademie. Erste Schulwoche. Alles aufregend, alles neu für ein Kind aus einem 2000 Einwohnerdorf. 6.30 Uhr Autobus erwischen, um rechtzeitig um 7.50 Uhr zusammen mit 31 anderen Jugendlichen in der Klasse zu sitzen. Neue Unterrichtsfächer wie Rechnungswesen, Wirtschaftliches Rechnen, Betriebswirtschaftslehre.

In einer Unterrichtsstunde, wir alle notieren gerade etwas in unsere Hefte, geht die Tür auf. Professor F steckt den Kopf mit roten, in alle Richtungen wegstehenden Haaren herein. Seine linke Hand wedelt mit Zetteln in der Hand. Seine rechte ist, das werde ich noch oft erleben, in seinem roten Bart vergraben. "Freifach Jugendblasorchester, will sich jemand anmelden?" Meine Hand geht in die Höhe. Anscheinend. Denn er kommt an meinen Tisch in der hintersten Reihe und legt mir einen Zettel hin. Instrumente? Ich schreibe hin: Blockflöte und Gitarre.

In der Pause kommt er wieder herein, steuert auf mich zu. Ähm ja also, Blockflöte und Gitarre im Jugendblasorchester sind jetzt nicht so üblich. Aber er hätte da eine Klarinette zum Herborgen und eine Telefonnummer hätte er auch. Von einem jungen Mann namens Markus. Ich solle mir doch mit ihm Unterrichtsstunden ausmachen. Wenn ich möchte. Und mir die Klarinette im Lehrerzimmer abholen. Vielleicht könne ich im nächsten Jahr auf die Musikschule gehen, und im Sommer Semester würde ich dann ja vielleicht schon im Jugendblasorchester mitspielen können.

Ich nehme Stunden bei Markus. Im Hinterzimmer von einem kleinen Musikladen. Eingezwickt zwischen Notenstapeln und Instrumenten. Ich bewerbe mich bei der Musikschule. Ich spiele ab dem Sommer Semester im Jugendblasorchester mit. Ich erlebe Orchester-Fahrten nach Belgien (der erste Kuss), Frankreich (die erste Trennung).

In meinem kleinen Heimatort geht man natürlich zur Blasmusik, wenn man ein Blasinstrument lernte. Also gehe ich vorspielen und darf auf der 3. Stimme anfangen. Jeden Freitagabend Blaskapelle. Auf den vorderen Stimmen sitzen jene, die das schon länger machen und besser sind. Denke ich jedenfalls. Aber schnell wird mir klar, dass auf den vorderen Stimmen einfach die großen Bauern und wichtigen Gemeinde Mitglieder beziehungsweise deren Kinder sitzen. Meine Eltern waren das zu dieser Zeit nicht. Die Hierarchie in so einer kleinen Gemeinde ist klar, mein Platz ist die 3. Klarinette.

Aber hinten in der 2. Reihe, da sitzen zwei nette gemütliche Männer. Sie spielen Tenor Saxofon. Da zieht es mich hin. Und wie es mich da hin zieht. So sehr, dass ich - von Natur aus eher schüchtern - mich traue zu fragen, ob ich denn das Alt Saxofon spielen dürfe? Und ich darf. Und ich habe bis heute nicht damit aufgehört.

Professor F habe ich es also zu verdanken, dass ich mein Leben zu einem großen Teil mit Saxofonspielen verbringe.

© Daniela Krammer 04.11.2019