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#whatislove#glattvergessen#weltbleibwach

Dein JA

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Dein JA | story.one

Ich sitze in deiner Wohnung. Chaos im Kopf. Du bist bei einem Auftritt mit der Country Band, wirst erst spät kommen. Ich werde auf jeden Fall auf dich warten. Egal wie spät es wird. Heute muss es sein, heute muss ich diesen verdammten Test machen.

Ein paar Tage zuvor hast du mich von meinem Auftritt mit zu dir genommen. Wieder einmal. Ich hatte Schüttelfrost, habe mich überhaupt nicht ausgekannt, du hast mir einen Schokoriegel gegeben, mich gewärmt. Und jetzt ist meine Periode ein paar Tage überfällig und ich muss heute den verdammten Test machen.

Zehn Jahre zuvor war ich in einer ähnlichen Lage. Damals war es ein gerissenes Kondom. Mein Freund damals sagte: "Mach dir keine Sorgen, ich zahle eh für die Abtreibung." Der verdammte Test war dann zum Glück negativ, aber dieser Satz von ihm war wohl der Anfang vom Ende unserer Beziehung. Jetzt sitze ich wieder da, angespannt, vorbeugend trotzig. Falls der verdammte Test positiv ist, werde ich es auch alleine durchziehen. "Ich bin fast dreißig, ich hab eine fertige Berufsausbildung, ich schaffe das auch alleine", denke ich und kämpfe mit den Tränen.

Wir sind erst seit etwa einem halben Jahr zusammen. Du bist ein Rätsel für mich, ich kenne dich kaum, aber was ich kenne, fasziniert mich und zieht mich zu dir. Und macht mir auch Angst. Bei dir bin ich so anders, du bist so anders als meine früheren Freunde und Begegnungen. Ganz am Anfang: Ich rufe an, du hebst ab und sagst: "Hallo mein Baby!" Zu mir. Mein Baby. Das ist zuvor noch niemandem eingefallen. Es bohrt sich in meine Gehörgänge, in mein Gehirn, macht mich ganz weich.

Dann, wir sind gerade zwei Wochen zusammen, du nimmst plötzlich das Telefon aus der Tasche und rufst deine Schwester in Torre del Lago an. "Ich komme im Sommer zu dir auf Besuch und nehme meine Freundin mit!" hast du gesagt. Einfach so. Wir sind einfach nach Italien gefahren, Kärnten, Bologna, Florenz, Lucca. In der Früh wegfahren, am Abend ins Meer laufen.

Und jetzt sitze ich da und warte auf dich. Mit diesen noch ganz jungen Erinnerungen. Und auch mit Erinnerungen an erste Streits, an eine Rose, die nicht geschenkt sein wollte von mir an dich. An den ersten Stress beim Autofahren. Die Gewissheit, dass das doch nichts werden kann. Die Panik, dass es völlig unmöglich ist, nach einem halben Jahr mit jemanden ein Kind zu erwarten. Du bist Musiker, ich bin Musikerin, das kann doch nicht gut gehen.

Ich höre den Schlüssel, du kommst herein. Weißt schon, was wir jetzt tun werden. Umarmung, ich geh aufs Klo, mache den Test. Innerhalb von Sekunden ist klar: Positiv. Der Tränendamm in meinem Gesicht bricht, dicke Tropfen kullern aus meinen Augen, du drückst mich ganz fest an dich.

"Es ist deine Entscheidung, mein Liebling, ich weiß sehr wohl, dass für dich als Frau das eine viel größere Umstellung ist als für mich. Aber ich bin bereit. Wenn du willst, bekommen wir dieses Kind." So hast du JA gesagt zu mir, zu uns. So hast du mich erobert. Mein JA in der Kirche und mein JA heute sind jeden Tag Echo davon.

© Daniela Krammer 2019-11-20

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