So oder so

  • 178
So oder so | story.one

Warum ist der Wecker so laut? Kann es sein, dass ich ihn so lange nicht gehört habe? Ich quäle mich aus dem Bett. Ich mach die Türen zu den Kinderzimmern auf: Taaaagwache, meine Herren!

Schnell in die Küche, Polenta Brei kochen. Irgendwann haben wir angefangen, täglich Polenta Brei zu machen. Mit frischen Apfelstücken. Die schenke ich uns heute, es ist schon zu spät, lieber aufpassen, dass der Brei nicht überkocht. Wasserkocher auffüllen, einschalten, kurzer Blick aufs Handy - schon ist es passiert - angebrannte Milch stinkt furchtbar. Blick auf die Uhr, warum sind die Buben noch nicht auf? Ich höre nichts von ihnen. Ich brülle kurz aus der Küche, während ich die Herdplatte reinige: "Essen ist fertig, wo bleibt ihr, verdammt noch mal!"

Endlich Aufwach-Geräusche, rascheln, trappeln, rempeln. Beide sitzen am Tisch. Gemecker: "Der Apfelsaft ist aus, heute holst du ihn aber aus dem Keller!" - "Ich hab ihn gestern geholt." - "Gar nicht wahr!!" - Geschrei - ich spreche ein Machtwort, sprich: Ich schrei am lautesten. Einer rennt grantig in den Keller, knallt den Apfelsaft auf den Tisch und rennt dann ins Badezimmer. Pubertät. Schrecklich.

Endlich beide angezogen aus der Tür raus. Ich nehme mir meinen wohlverdienten Espresso und eine Zigarette. Raus auf die Terrasse. Die Söhne gehen am Gartenzaun vorbei. Streitend. Der eine haut den anderen auf den Kopf, der rennt davon. Ich zünde die Zigarette an. Inhaliere tief. Jeder Atemzug gegen meinen Herzschlag.

Oder.

Ich wache auf, während ich den Polenta Brei rühre. Der Zimtgeruch steigt mir in die Nase. Oh, ich kann mich schon erinnern, der Wecker, ich schlüpfe schlaftrunken aus dem Bett, mach die Zimmertüren der Söhne auf und das Licht in ihren Zimmern an. In die Küche, Milch in den Kochtopf, erwärmen, Polenta einrühren, Zimt dazu, was für ein Duft. Er weckt mich aus der täglichen Routine und zaubert mir ein Lächeln auf die Lippen. Der Brei ist fertig, ich fülle ihn in Schüsseln, auskühlen. Nochmal in die Zimmer der Kinder. Der jüngere schläft noch tief und fest. Ich streichle über seinen Kopf und sag: "Essen ist fertig." Er grummelt zustimmend. Der ältere hört mich ins Zimmer kommen, streckt die Hand unter der Tuchend raus. Ich ergreife sie. Alles gut.

Die Söhne sitzen am Tisch, der jüngere holt Apfelsaft aus dem Keller, der ältere: "Bringst du mir bitte O-Saft mit?" - "Klar." Wir sind Morgenmuffel. Reden in der Früh - bloß nicht.

Ich mach ein paar Dehnungsübungen, Planking. Die Jungs packen ihre Sachen - "Bis später!" - "Bis später!" Mit dem Espresso in der Hand gehe ich auf die Terrasse. Ich sehe ihre Köpfe am Gartenzaun vorbeigleiten. Sie schauen gleichzeitig zu mir her. Grinsen mich an. Ich grinse zurück. Das Herz schwillt an, geht mir über. Leben im Takt.

© Daniela Krammer