#familienwahnsinn

Für immer jung

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Für immer jung | story.one

Es ist vier Uhr früh und ich bin einfach nur erschöpft. Ich sitze auf meinem riesigen Medizinball im Wohnzimmer und versuche, diese kleine Zwerg in meinen Armen zu beruhigen. Drei Stunden Schlaf am Stück, mehr habe ich seit - ich weiß nicht mehr wann - nicht mehr geschlafen.

Um niemanden sonst zu wecken, sitze ich hier und wiege meinen Sohn wieder in den Schlaf. Aber ich bin so erschöpft, ich kann kaum die Augen offen halten. Deshalb lege ich eine CD ein: Andre Heller hat gerade mit jungen Leuten wie Fanta4 seine Lieder neu aufgelegt. Vielleicht hilft sie mir, um meine kleinen beruhigen zu können.

Mir geht durch den Kopf, was früher um diese Uhrzeit war. Um vier Uhr nach einem Gig noch bei Freunden abhängen. Oder nach einem Konzert mit den Jazzmusikern wie Bill Evans im Backstage Bereich vom Porgy flirten. Oder noch im Salz&Pfeffer vorbei schauen auf panierte Champions mit Sauce Tartar. Manchmal auch noch Küche in der WG aufräumen, weil wir um Mitternacht noch Eiernockerl gemacht haben. Das einzige, dass in meinem Kühlschrank nie ausgehen durfte: Eier für Nockerl und Roter Rüben Salat als Beilage. Ziemlich betrunken vom "Siedler von Catan" - Spiel mit den Freunden nach Hause wanken - der Nachtbus fuhr damals noch nicht, deshalb ein erfrischender Spaziergang von der Mariahilfer- bis zur Nußdorferstraße.

Wehmütig hüpfe ich auf meinem Medizinball sanft auf und ab, die Augen meines Sohnes schauen mich hellwach an. "Du sollst leben solangs die Welt gibt, und die Welt solls immer geben!" tönt es leise aus der Musikanlage. Mir steigt der Geruch meines Sohnes in die Nase, sein Blick trifft auf meinen. "Ohne Angst und ohne Kummer, ohne Hochmut sollst du leben." fange ich leise an, mitzusingen.

Er schmiegt sich an meine Brust, fängt an, sich zu entspannen. "Zu die Wunder und zur Seeligkeit ists dann nur a Katzensprung" - singt Andre Heller weiter. Mir steigen die Tränen in die Augen. Diesmal nicht vor Verzweiflung, sondern aus überquellendem Herzen, an dem gerade dicht angeschmiegt mein Baby liegt und langsam wieder einschläft. Ich spüre eine Welle heißer Liebe, großer Dankbarkeit und sanftem Glück durch mich fließen. Mir wird klar: um nichts in der Welt möchte ich jetzt irgendwo anders sein als genau hier auf diesem Medizinball in diesem Wohnzimmer, meinen zweitgeborenen am Arm, meinen erstgeborenen und den Vater der beiden in ihren Betten schlafend.

Und morgen ist der letzte Schultag, an dem ich um 6.30 Uhr aufstehen werden, Polentabrei zubereiten werde und fragen werde: "Magst eine Jause mithaben?" Noch oft werde ich sagen: "Ich hab dich lieb, pass gut auf dich auf, mein Großer!" Noch oft werde ich denken: "Na hoffentlich geht das gut, hoffentlich ist das deine richtige Entscheidung!" Noch oft werde ich meinen Jüngsten zuversichtlich in die Welt schicken und hoffen, dass er wieder kommt. Nächste Woche ist Matura, Reifeprüfung. Reif für so vieles und doch immer mein kleiner.

"Weil, wann du willst, wenn du wirklich willst, bleibst immer jung!"

© Daniela Krammer 19.05.2020

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