Ganz leicht?

Ich hätte das Saxofon am liebsten gegen die Wand geknallt. Um die Aufnahmeprüfung auf die Musikhochschule zu bestehen, musste ich alle Tonleitern mit bis zu vier Vorzeichen in Sechzehntel auf Tempo 120 spielen können. Und erstmals übte ich wirklich konsequent mit Metronom, aber es war zum Verzweifeln. Der Anfang hatte ja gut funktioniert, auf Tempo 100 war schon alles ganz gut möglich, aber jetzt kam ich einfach nicht weiter. Mit Tränen in den Augen dachte ich schon daran, doch wieder in meinen alten Job zurückzukehren, in meinem Kopf geisterte dieser Satz herum: "Ich hab es einfach nicht drauf!"

Da fiel mein Blick auf den Zettel, den ich auf Anraten meines Professors in Augenhöhe aufgehängt hatte: EINFACH LANGSAM WEITERMACHEN. Einfach. Als ob das einfach wäre! Aber zum Glück hatte ich diese Verzweiflung schon ein paar Mal erlebt und wusste, dass es tatsächlich half, einfach weiterzumachen. Also Metronom herunterdrehen auf Tempo 80 und ganz langsam und konzentriert nochmal. Und nochmal. Und nochmal.

"Wenn es schnell gehen soll, musst du langsam üben!" war eine weitere Weisheit meines Lehrers. Das klingt im ersten Moment verrückt, aber tatsächlich ist es erst die Ruhe und die Wiederholung, die das notwendige Tempo ermöglicht. Das ist am Anfang quälend, da der unruhige Verstand die ganze Zeit mehr fordert: "Schneller! Genauer! Geht schon! Das lernst du nie!" feuert er im Sekundenabstand und stört dabei, ganz in das Üben einzutauchen. Es ist zäh und es ist anstrengend diesen vorlauten Kerl in die Schranken zu weisen. Ich habe dann angefangen, ihm die Rolle des Butlers zuzuordnen: "Mein lieber Verstand, deine Dienste sind sehr wertvoll, vielen Dank. Aber ICH entscheide, wann und vor allem wie ich sie brauche. Jetzt ist Schnabel halten angesagt."

Jemand sagte einmal zu mir: "Musik machen, Üben, auf der Bühne stehen, das muss alles ganz leicht gehen! Sonst ist es nicht richtig! Es muss sein wie ein Ball, der leicht und elegant durch die Luft fliegt, völlig schwerelos!" Gerade der Vergleich mit dem Ball macht klar, dass es eben nicht immer leicht und schwerelos geht. Dass es Hindernisse gibt, die mit Anstrengung und Kraft zu überwinden sind. Ein Ball fliegt auch nur deshalb schwerelos und leicht durch die Luft, weil er mit Wucht = Kraft geworfen wurde. Wer jemals in einer Zeitlupenaufnahme gesehen hat, wie sich ein Ball verformt, wenn er am Boden aufschlägt, mit Energie aufgeladen wird und dann wieder elegant und leicht in die Höhe steigt, weiß, wovon ich rede.

Auf der Bühne sieht man im besten Fall nur das Leichte, das Resultat dessen, was sich beim Üben und Proben abspielt. Zu diesem Prozess gehörte auch, dass ich das Saxofon manchmal gegen die Wand knallen wollte und vor allem, dass ich es dann doch nicht gemacht, sondern EINFACH LANGSAM WEITERGEMACHT habe.

© Daniela Krammer