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Gehen

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Gehen | story.one

Den Kopf frei-gehen. Ich summe noch immer das Lied, das ich bei meinem letzten Konzert so lieben gelernt habe: "Mr. Bojangles, dance!" - damals wusste ich noch nicht, dass es für einige Zeit das letzte Mal sein wird, dass ich auf der Bühne stehe.

Die erste Absagen kamen schon letzte Woche. Internationale Konzerne haben schnell reagiert und ihre Events in Wien abgesagt - mit der Hoffnung, sie nur in den Herbst zu verschieben. Mein erstes Empfinden war eine interessante Leichtigkeit. "Wer weiß," dachte ich, "vielleicht schafft das Virus, was die Mahnungen vor der Klimakatastrophe nicht geschafft haben! Vielleicht ist es eine Chance!" Dann der Dienstag, alles geschieht auf einmal. Eine Absage nach der anderen. Abends dennoch das Konzert. Es kommen nur ein Drittel der bisherigen Besucher. Es ist musikalisch ein außergewöhnlicher Abend, jene die da sind, schwingen mit jedem Ton mit.

In Social Media geht die Post ab. Ich versuche zu beruhigen: "Ja, es gibt Absagen, das tut weh. Aber im Gegensatz zu den Menschen auf Lesbos haben wir gefüllte Kühlschränke, Strom, Wasser, Netflix - also beruhigt euch, wir schaffen das schon!" Noch immer bin ich guter Dinge, noch immer beharre ich darauf, dass es auch eine Chance ist - eine Chance, unsere hektische Welt zu entschleunigen, unser Konsumverhalten zu überdenken, den Blick auf unsere Welt neu zu justieren.

Unser Jüngster ohne Schule - kein großes Problem, ob er die Matura ein Monat früher oder später macht. Die Uni für den Großen hat gerade begonnen - auch er wird sich arrangieren. Ich telefoniere mit meinen Eltern: "Bitte passt auf! Wir telefonieren mehr, aber heuer Ostern werden wir euch nicht besuchen!" Haben sie sich eh auch schon gedacht, dass das klug ist.

Mittwoch. Mittlerweile ist bis Ende April fast alles abgesagt. Ich rechne mal nach - nein, die Zahl interessiert mich nicht. Ich werde dennoch nicht hungern müssen. Dann die Absage von meiner sehnsüchtig erwarteten ersten Lesung meines Story.one Buches. Plötzlich bricht ein Damm, ich merke, wie sehr das doch an mir zehrt. Die Versuche, verschwurbelte Verschwörungstheorien online zu stoppen. Das Verständnis, dass ich den Agenten und Veranstaltern entgegen bringe. Ich lege mich auf den schmerzenden Rücken, dicke Tränen rinnen aus den Augen. Endlich spüre ich auch meine Angst, meine Verunsicherung - während die Tränen fließen, merke ich aber, dass auch alles andere - das Verständnis, die Versuche, es neu zu sehen - da bleibt.

Heute morgen sagen wir noch eine Probe ab. Alle müssen irgend etwas regeln, alle sind auf der Suche nach Klarheit.

Ich mache mich auf den Weg - einfach losgehen. Wasserflasche, Rucksack, ab in den Maurer Wald. Den Kopf frei-gehen. Langsam fange ich an zu schwingen. Sehe wieder, was ich jetzt alles machen kann, was viel zu lange schon auf mich wartet. Notenstapel, Mal-Projekte, Kisten, die endlich entrümpelt werden wollen, mein Garten. Und endlich jeden Tag mindestens 10 000 Schritte gehen. Wir schaffen das.

© Daniela Krammer 12.03.2020

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