Lady - like

"Das kannst du doch nicht machen! Deine Farben sind rot und schwarz. Jeder kennt dich so! Du darfst deine Marke doch nicht einfach ändern!" sagte mein Mann. "Bist du sicher? Das dauert sicher ein Übergangsjahr, selbst mit Strähnchen wird das eine komplizierte Sache. Eigentlich bist du noch viel zu jung dafür. Warte doch bis Mitte 50, besser über 60!" sagte mein Friseur.

Es war kompliziert, es war lästig, die blonden Strähnchen haben mein Haar ganz schön angegriffen, aber ich war es leid. Ich wollte nicht mehr jede zweite Woche einen Vormittag damit im Badezimmer vergeuden, mir Gift in die Haare zu klatschen und das bekannte Dunkelbraun in die Haare zu zaubern.

Meine Haare sind kräftig, lockig, widerborstig, sie tun sowieso was sie wollen. Seit ich das im Alter von etwa achtzehn verstanden habe, sind wir zwei die besten Freunde, meine Haare und ich. Davor wollte ich natürlich - das scheint Teenager-Gesetz zu sein, dass man immer will, was man gerade nicht hat - Haare wie Morticia oder Lily Munster. Pechschwarz und schnurgerade wollte ich sie. Sie waren wild, unbändig und dunkelbraun. Die Leidenschaft war allerdings eine heimliche. Niemals hätte ich als Bücherwurm zugegeben, dass mein Aussehen mich interessierte. Pferdeschwanz oder offen, mehr Styling war damals nicht in meinem Repertoire.

Als ich dann die ersten Male auf der Bühne stand, wurde mir langsam bewusst, dass das Aussehen - ob es mir nun gefällt oder nicht - zur Show dazu gehört. Es wurde mir klar, dass es eine Wertschätzung meines Publikums und auch der Musik ist, wenn ich mich für die Bühne adäquat kleide und mir die Haare hübsch mache. Irgendwann hat sich dann eine passende Frisur in der richtigen Farbe heraus kristallisiert. Ein Braunton, ganz nahe an der ursprünglichen Farbe. Dezentes Make-up, ladylikes Outfit.

Dann hat es mir plötzlich gereicht, diese ewige Färberei. Ich hatte nicht nur das Gefühl, dass die Chemie in der Haarfarbe mir die Kopfhaut wegätzt, die Haare wurden auch immer weniger und dünner. Deshalb besprach ich mit meinem Friseur, ob er mir helfen konnte - seine Überredungsversuche waren fruchtlos. Wenn ich mir was in den Kopf gesetzt habe, zieh ich es durch. Das weiß auch mein Mann. Außerdem habe ichbeobachtet, wie gut es ausschaut, wenn Männer graue Haare bekommen. Ihre Frauen färben zwar alle brav die Haare, schauen aber keinen Tag jünger aus damit.

Also Strähnchen, damit der Übergang nicht mehr so sichtbar ist, dann mit getöntem Haarspray und Ansatzstift ein Jahr lang tricksen und täuschen und endlich ist es soweit. Endlich weiß ich wieder, wie meine Haare ausschauen. Und sie sind wieder kräftig und voll, wie ich sie seit meiner Jugend kenne.

Fast alle Reaktionen sind positiv. Es geht zwar noch nicht soweit, dass andere Frauen sich zutrauen, auch mal nachzuforschen, ob ihre Haare nicht genauso toll ausschauen würden unter der Farbe. Aber wer weiß, vielleicht traut sich doch jemand. Ich darf mich selbst gestalten. Immer.

© Daniela Krammer