Nur ein Konzert

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Nur ein Konzert | story.one

"Sei uns nicht bös, Menscherl, aber das Konzert in einem Jazzclub, das ist uns echt zu anstrengend. Wir kommen dann am nächsten Tag zu deinem Geburtstagsbrunch!" sagte meine Mutter. Ich war natürlich traurig. Meinen 50. Geburtstag wollte ich nur an einem Ort verbringen: Auf dem für mich schönsten Platz der Welt, der Bühne. Aber ich konnte meine Eltern auch gut verstehen. Meine Mutter mit ihrem transplantieren Herzen muss einfach leiser treten.

Dieser Tag war so unglaublich voll mit Vorbereitungen. Um 16.00 hatte ich schon die ersten Proben angesetzt. Ich wollte nicht nur das aktuelle Programm "Brubeck - eine Hommage" mit der Band spielen, sondern auch wichtige Wegbegleiter auf die Bühne holen. Die Pianistin, mit der ich meine erste Band gegründet und die ersten Jam-Sessions während des Studiums in Wien gespielt hatte. Die andere Pianistin, die heute als Doktorin der Mathematik an der Uni lehrt und noch immer eine beeindruckende Musikerin ist. Der Gitarrist, der Pianist und der Bassist, die mich schon durch viele Jahre musikalisch begleiten. Meine Seelenschwester und Bühnenpartnerin, die einen Text von mir lesen würde. Und natürlich mein Mann und Schlagzeuger, ohne dessen Unterstützung es eng geworden wäre. Ich hatte also sowieso keine Zeit für etwas anderes als dieses Konzert und am nächsten Tag würde ich mit der Familie dann bei einem feinen Brunch meinen Geburtstag feiern.

Um 20.15 sind alle Vorbereitungen abgeschlossen. Der Video-Mensch und der Fotograf wissen, wo sie hin müssen, die Musiker sind mit meinem Drehbuch vertraut, jeder weiß, wann er dran ist und wird rechtzeitig vor dem Bühneneingang bereit stehen. In der Künstlergarderobe ist super Stimmung. Ich hab ein paar Flaschen Sekt und ein Backblech voll Zupfbrot mitgebracht, alle fühlen sich wohl. Ich ziehe mich kurz zurück in eine leerstehende Garderobe. Schminken, meine Instrumente einspielen, durchatmen, leises Herzklopfen und die Frage in mir: "Welcher Wahnsinn hat dich geritten, zu deinem Geburtstag so ein Monsterkonzert zu organisieren?" - aber mit einem breiten Grinsen und Vorfreude. Das Porgy ist schließlich ausverkauft.

20.30 Uhr, die Musiker für das erste Set stehen bereit, wir werden angesagt. Einer nach dem anderen betreten wir unter wohlwollendem Applaus die Bühne. Ich schau zu jedem kurz hin, mein Drummer nickt mir zu und zählt ein. Das erste Lied beginnt mit einem kurzen Auftakt der Bassistin gemeinsam. One two three for badudam - da wäre mein Einsatz. Mein Blick fällt kurz davor neben den Notenständer auf die erste Reihe - und auf meinen Vater und meine Mutter, die mich anstrahlen. Ich verhasple mich tatsächlich und spiele den Einsatz um etwa eine 64tel zu spät - wer genau hinhört, kann es bei "The Duke" auf Youtube noch hören. Nach dem Lied schaue ich zu meinem Mann hinter den Drums. Er grinst mich auch an, endlich hat er mich mal richtig überraschen können. Mir steigen heute noch Freudentränen in die Augen, wenn ich daran denke.

© Daniela Krammer