Nur Worte

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Nur Worte | story.one

Ich war wohl etwa acht, als ich das erste Mal an einem Totenbett stand. Der Sarg war gerade mal einen Meter lang. Ein Holzsarg. Helles Holz, darin ein Baby. Ob der Sarg geschlossen war oder ob ich nur einfach nicht hinschauen konnte, weiß ich nicht mehr. Meine Cousine. Kindstod. In der Früh einfach tot im Bett gelegen. Keine Sekunde konnte ich erfassen, was das für meine Tante, für meinen Onkel bedeutet hat. Aber ich konnte erfassen, dass hier, in diesem kalten Raum in einem Vierkanthof, in dem meine Verwandten eingemietet waren, etwas ganz und gar sprachlos Machendes passiert.

Was soll man da auch sagen. Wenn ein Kind, gerade erst geboren, gerade einen Mann und eine Frau zur Familie gemacht, daliegt, ohne Atemzug, ohne Bewegung. Was soll man da auch tun als das, was die Gemeinde an so einem Tag tut. Die Gemeinde. Etwas, das ich zuvor nie und danach nie wieder so erlebt habe wie in diesem Moment.

Die Gemeinde, der Pfarrer, die alten Frauen, alle sitzen um den alten riesigen Holztisch auf den alten unbequemen Holzbänken. Brot steht am Tisch und Wein. Alle sitzen da, die anderen Onkeln und Tanten. Keiner spricht. Immer, wenn einer dazukommt, geht er bei den trauernden Eltern vorbei. Murmelt etwas, legt unbeholfen eine Hand auf eine Schulter, schüttelt mit zu Boden gerichteten Augen eine Hand.

Wo sind sie in Gedanken? Beim eigenen Bruder, dem eigenen Kind, das den gleichen Weg gegangen ist? Oder beim Dank, dass das eigene überlebt hat? Lieber die Augen zu Boden, hier und heute hat weder der eigene Schmerz noch der eigene Dank etwas verloren. Hier sind der Schmerz und die Fassungslosigkeit und das Unverständnis und die Sprachlosigkeit.

Wir Kinder rutschen auf den Holzbänken herum. Was geschieht hier? Wie sollen wir verstehen, was wird von uns erwartet? Dann fängt der Pfarrer an mit seinem Rosenkranz. "Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir." Die Gemeinde stimmt ein: "Du bist gebenedeit unter den Frauen, der Herr ist mit dir..."

Ein Gemurmel erfüllt den Raum. Schwillt an. Wir Kinder kennen das aus der Kirche. Da ist das immer unerträglich langweilig. Hier und heute ist es anders. "...der die Hoffnung stärkt." Wir murmeln mit. Jeder spricht ganz leise, dennoch wird der Raum immer mächtiger mit den Worten gefüllt. "Heilige Maria Mutter Gottes, wir bitten für uns Sünder... " Diese Worte mag ich normalerweise nicht. Wer ist Sünder, warum sind wir alle Sünder? Auch die Oma, die immer so brav arbeitet und jeden Sonntag in die Kirche geht? Aber heute ist das anders. Die Worte bedeuten nichts. Dass sie gesagt werden, von allen hier, mit verschlungenen Fingern an diesem Holztisch, mit gebeugten Köpfen, das bedeutet alles.

So ein Rosenkranz dauert lange. An diesem Tag habe ich erlebt, wie er tröstet, wie er Halt gibt, wie er die Sprachlosigkeit überwindet.

Bis heute hab ich nicht mehr daran gedacht. Allerseelen, Allerheiligen im Wald hat mir die Erinnerung zurückgebracht.

© Daniela Krammer 04.11.2019