Sitting in the morning sun

  • 656

Da sitze ich in der Morgensonne und staune. Staune über die Achterbahn der Gefühle, die ich jetzt, nach bald vier Wochen noch immer erlebe. Gerade hatte ich das Gefühl, ich hätte alles wieder im Griff, wüsste Bescheid, war durchweht von Glücksmomenten wie "vorher". Und dann diese Worte "bis Ende Juni".

Bis Ende Juni sind alle Veranstaltungen untersagt. Eigentlich logisch. Spätestens, seit ich das Video von MaiLab gesehen habe, war mir das irgenwie klar, dass genau mein Job so leicht nicht mehr möglich sein wird. Menschen, die sich sonst nie treffen, kommen in engen Räumen zusammen, feiern miteinander, Küsschen hier, Küsschen da, ein Prost, eine Umarmung - alles Dinge, die unser Leben auf eine unbeachtete Art begleitet haben, und sich jetzt als gefährlich herausgestellt haben. Nicht für den einzelnen gefährlich. Die Chance, dass der Virus mir oder dir oder ihm oder ihr wirklich gefährlich ist, ist gering. Es ist die Wucht der Zahlen, die reine Statistik. Die - wie es ausschaut - in Österreich auch reine Statistik bleiben wird.

Was passiert, wenn die Zahlen aber Realität werden, kann man in Italien beobachten. Wenn die Masse der Erkrankten die Menge an Krankenhausbetten übersteigt. Wenn das meiste Holz zu Särgen verarbeitet wird. Großbritannien folgt gerade. Selbst kleiner Länder wie Belgien haben mittlerweile wesentlich höhere Zahlen bei an oder mit Verstorbenen als Österreich. Eigentlich eine saublöde Wortwahl: "mit Corona Verstorbene". Meine Mutter ist herztransplantiert - sie würde definitiv "mit" Corona sterben. Ohne hat sie noch ein paar wunderbare Jahre.

Ja ich sitze da in der Morgensonne, schaue auf die Bäume vor meinem Fenster, atme tief durch. Die einzige Bühne, die mir bis auf weiteres bleibt ist unser Garten. Jeden Abend für ein Lied. Letzten Samstag waren es mal zwei, weil Samstag Abend war, weil das Wetter wunderbar war, weil viele Menschen auf den Straßen rund um unser Haus unterwegs waren - alle in achtsamem Abstand zueinander. Der nicht endenwollende Applaus hat uns ausnahmsweise ein zweites spielen lassen. Das tat gut. Sehr gut.

Umso mehr schmerzten mich die Worte "bis Ende Juni". Obwohl mein Verstand es längst wusste, haben sie mir Tränen in die Augen getrieben. Etwa 35 schon gebuchte Veranstaltungen und Konzerte einfach weg. Das eine ist der schmerzliche Umsatzverlust, das andere der Verlust "meiner Bühne". Es ist für mich wirklich "Der schönste Platz der Welt", nicht umsonst habe ich mein Story.one Buch so genannt. Hier bin ich am direktesten mit Menschen in Kontakt - über Musizieren. Und wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, weiß ich, dass sich das wohl erst ändern wird, wenn es eine Impfung oder zumindest besseres Wissen über dieses Virus gibt.

Am 23.4. hätte ich ein Konzert mit meiner neuen Band "The Madams" in der Eden Bar gehabt. Statt dessen mache ich jetzt ein Wohnzimmerkonzert mit meinem Mann. Live Stream auf youtube und Facebook. Mal schauen, ob das wenigstens ein kleiner Ersatz sein kann.

© Daniela Krammer