Tun oder (Zu)Lassen

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Gerade auf der Bühne hat man leicht das Gefühl, soviel TUN zu müssen. Man muss performen, man muss das Lied perfekt kennen, man muss das Instrument beherrschen. Man muss mit seinen Mitmusikern kommunizieren oder, falls man alleine auf der Bühne steht und mit Playbacks performt, diese in- und auswendig kennen, damit es dennoch wie lebendige, spontane Musik beim Publikum ankommt. Und zu guter Letzt muss man auch noch mit eben diesem Publikum in Kontakt sein, es auf die Reise mitnehmen. Ganz schön viel TUN und ganz schön viel MÜSSEN, oder?

Es tut ganz gut, mal darüber nachzudenken, was man alles nicht MUSS, sondern DARF. Das man erst auf die Bühne geht, wenn man sein Instrument einigermaßen beherrscht, sollte klar sein - es erleichtert den Rest ungemein. Aber es kommt schon mal vor, dass man mit einem neuen, noch nicht ganz perfekt eingeübten Song auf der Bühne stehen muss. Dann kann es eine große Hilfe sein, nicht alleine auf der Bühne zu stehen. Man stützt sich, man trägt sich weiter, man kann sich aber gegenseitig erst recht ins musikalische Chaos stürzen.

Also ja - bevor man auf die Bühne geht und sich ins Rampenlicht stellt, gibt es einiges, das vorher erledigt sein SOLLTE. Auf der Bühne selbst kann sich die Musik am Besten entfalten, wenn man sich über richtige Fingersätze, richtige Körperhaltung, den richtigen Text und die korrekte Choreographie keine Gedanken mehr machen muss. Das Interessante dabei ist, dass für mich Lieder erst dann perfekt sitzen, wenn ich sie schon mehrmals auf der Bühne gespielt habe. Das ist eine Lernspirale, die im Grunde nie aufhört.

Und dann gibt es da noch das Publikum. Eines habe ich sehr schnell erkannt: was ich sicher nicht auf der Bühne TUN kann, ist das Publikum zu irgendwas zu zwingen. Weder kann ich es dazu zwingen, mir zuzuhören, noch dazu, mich zu lieben. Wie soll ich mir auch darüber Gedanken machen während meiner Performance? Da ist mein Verstand mit der technischen Umsetzung völlig ausgelastet und darf ansonsten einfach schweigen. Wenn ich zu diesem Zeitpunkt das Musikstück so gut wie möglich eingeübt habe, kann ich an diesem Platz einfach ZULASSEN, das die Musik sich entfaltet. Ob das Publikum das mitbekommt oder nicht, hängt nur zu einem kleinen Teil von mir ab sondern viel mehr von jedem Einzelnen da unten, vom Kontext der Performance - ist es ein Konzert, ist es Begleitung zum Dinner?

Ich erinnere mich an eine der ersten Jazz-Sessions, die ich im legendären Jazzclub "Tunnel" gespielt habe. Einen Jazzstandard habe ich tagelang geübt, um dort mal mit den "alten Hasen" mitzuspielen. Ziemlich nervös betrete ich die Bühne, und zähle ein: one, two, one two three four. Ich spiele das Thema, fange an zu improvisieren, verliere aber innerhalb von wenigen Takten die Form und habe das Gefühl, jeder Ton sei falsch. Nach dem Lied schleiche ich von der Bühne und werde von einem Jazzfan angesprochen: "Super gespielt, das war ja so cool!"

Das sind Erfahrungen, die man auf der Bühne machen DARF.

© Daniela Krammer