Weit gefehlt

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Weit gefehlt | story.one

Das Handy läutet, G. ist dran. G. ist ein Musikkollege, den ich schon in meiner allerersten Big Band in Neuhofen kennengelernt habe. Ein begnadeter, unglaublich begabter Saxofonist. Man könnte auch sagen: er war aus jedem Grund der Welt großmäulig. Irgenwie mochten wir uns, ich die Buchhalterin, die ihre Verlobung gelöst hatte und erstmals in die Welt des Swing und Jazz eintauchte, und er, das Musik-Wunderkind, das jeden an die Wand spielen konnte.

Er war es auch, der mir dann den Termin beim Professor für klassisches Saxofon an der Musikhochschule verschaffte. Beim ersten Aufnahmegespräch konnte ich in seiner Wohnung im dritten Bezirk übernachten, Abendessen im "Satchmo", einem legendären Lokal mit fremdartigen Speisen und ausschließlich Jazzmusik, eine völlig neue Welt, die ich hier kennenlernte.

Und G. war es auch, der mir sein altes Sopran Saxofon - ein Mark VI - verkaufte. Er wollte unbedingt das nagelneue Selmer Super Action III, dass ein anderer Musikkollege gerade verkaufte, deshalb lief es quasi so um die Ecke. Ich kaufte das neue Instrument - ich glaube, es kostete damals 26.000 Schilling - und tauschte es dann mit dem Mark VI von G. Viel Geld für eine Musikstudentin, aber es musste sein, ich war nämlich Hals über Kopf verliebt.

Das erste Mal, als ich in ein Sopran Saxofon blies, war ich noch Musikschülerin in der städtischen Musikschule in Wels. Bei einem Konzert eines Saxofon Ensembles erlaubte mir der Stimmführer am Sopran, einmal kurz in sein Instrument zu blasen. Ich war elektrisiert. Zwar spielte ich schon etwa zwei Jahre Altsaxofon und liebte mein Instrument über alles. Aber dieses Gefühl, dieses Prickeln, dass durch meinen ganzen Körper lief, diese Vibration, die der sanfte und doch so präzise scharfe Ton in meinem Kopf und meinen Armen hervorrief - ich war dem Sopransaxofon augenblicklich verfallen.

Es war also ganz klar, diese Gelegenheit am Schopf zu packen, all mein Geld zusammenzukratzen und meine Eltern anzubetteln, um dieses Instrument zu bekommen. Noch dazu eines dieser legendären Mark VI Instrumenten- ich musste es haben. Auch, wenn mir G. ehrlicherweise mitteilte, dass es gerade nicht einsatzfähig war, weil die Polster alle getauscht gehörten und das Instrument im Grunde eine Generalüberholung brauchte. Das war mir egal, ich wollte das Sax und aus.

Dann hielt ich es in den Händen und war nur selig. Es dauerte noch ein bisschen, bis ein Freund sich Zeit nahm, das ganze Sax zu zerlegen, zu ölen, die Polster zu erneuern - das dauerte seine Zeit. Ich saß die ganze Zeit daneben und war glücklich, schließlich machte er es mir zu einem absoluten Freundschaftspreis plus meine begehrten Eiernockerl, die ich ihm gerne kochte. Aber dann durfte ich endlich spielen und es war himmlisch. Eine Liebe, die bis heute dauert.

Aber zurück zu G. Als er hörte, ich sei schwanger, rief er mich also an und sagte: "Du brauchst das Sax jetzt eh nicht mehr, ich kauf es dir wieder ab!" Weit gefehlt, Süßer. Sehr weit gefehlt.

© Daniela Krammer