Warum gehst du nicht auf Reisen, Rupert?

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Warum gehst du nicht auf Reisen, Rupert? | story.one

Rupert wurde 1922 in einem kleinen Dorf geboren. Als Hitler in Österreich einmarschierte war er 16, mit 20 ist er für das Vaterland in den Krieg gezogen. Er war ein junger Soldat, und ja ich spreche es aus, so weh mir das tut, er war einer von den Nazis. Gekämpft hat er nach eigenen Angaben in Afrika, in Frankreich und in Russland. Dort war er zum Schluss auch in Gefangenschaft. Nach Hause gekommen ist er mit einer Schusswunde und Splittern in der Lunge, die nie herausoperiert wurden. Nach dem Krieg hat er seine Karoline kennen gelernt, eine Tochter bekommen und Fleischer gelernt. Diesen Beruf hat er geliebt. Er war gut darin. Seine selbstgemachten Würstl waren legendär.

Rupert war ein fürsorglicher Ehemann, liebender Vater und großartiger Großvater. Die Leute im Dorf haben ihn sehr gemocht, er war hilfsbereit. Nachbarschaftshilfe war selbstverständlich. Das Leben am Bauernhof war bescheiden, doch an Liebe und Zuwendung hat es nie gemangelt. Trotz der schweren Arbeiten am Hof wurde viel gelacht. Legendär war das gemeinsame "Viererschnapsen", das konnte Rupert mit den Kindern stundenlang. Am Feld wurde von Montag bis Samstag gearbeitet. Der Sonntag war da zum Ausruhen, nur die Tiere wurden versorgt. Hobbies hatte er keine. Aber Sport war seine große Leidenschaft. Nein, er sportelte nicht selbst, er war Fernsehsportler. Schifahren, Tennis, Autorennen und Fußball – da konnte man ihm nichts vormachen.

Sein Leben war einfach und dem Aufbau gewidmet. Es sollte seinen Nachkommen besser gehen als ihn. Das hat er immer betont. Die Zeit des Krieges, der Isolation, der Brutalität und der Freiheitsberaubung haben diesen jungen Mann geprägt. Von dieser Zeit im Krieg hat er nie erzählt. Von selber schon gar nicht, höchstens auf Nachfrage, dann aber auch nur kurz und ziemlich einsilbig.

Seine kleine Welt war der Bauernhof. Sein Blick in die Aussenwelt bekam der durch den Fernseher und den Zeitungen. Er hat sich nie beklagt. Rupert war genügsam und doch wach und hellhörig. Er hat sich interessiert, was so in der Welt vor sich geht, auf der großen politischen Bühne. Und still und leise nach und nach die Erfolge des Friedens mitgefeiert. Er war mit der Entwicklung zufrieden, ein Leben in Frieden und Freiheit ist möglich.

Ich kenne Rupert als wunderbaren Großvater, der immer für mich da war, wenn ich ihn brauchte. Er war immer da. Ich kann mich nicht erinnern, dass dieser Mann nach dem Krieg jemals wieder auf Reisen gegangen wäre. Als ich meinen Großvater einmal gefragt habe, warum er nicht auf Urlaub fährt, meinte er, ach Liebes, ich habe die ganze Welt gesehen. Ich habe damals nicht nachgefragt. Heute weiß ich, dass er die Zeit während des Krieges meinte.

So wie er gelebt hat, ist er verstorben. Ohne viel Tam tam, ganz leise. An seinem achtzigsten Geburtstag, nach der gemeinsamen Feier, einfach eingeschlafen und nie mehr aufgewacht. Seine wahrscheinlich schönste und friedlichste Reise in seinem Leben.

In memoriam, lieber Opa!

© Daniela Adler 05.04.2020