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Appetit

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Appetit | story.one

Ein unachtsamer Spalt im Vorhang gibt ihm den Blick nach innen frei. Er sieht sie am Küchentisch sitzen, vor ihr ein dampfender Teller Spaghetti Bolognese. Es ist lediglich ein Fragment ihrer Gestalt, das von draußen wahrnehmbar ist aber genug, um ihren versonnenen Blick einzufangen, mit dem sie die Gabel in die Nudeln sticht und langsam und bedächtig zu drehen beginnt. Er kann die Augen nicht abwenden; selbst mit der gegebenen Distanz fasziniert ihn ihr entrückter Gesichtsausdruck, mit dem sie ihre Gabel genießerisch vors Gesicht hebt, die Spaghetti triumphierend ein letztes Mal betrachtet und die aufgerollten Teigwaren in den Mund schiebt. Einige herunterhängende Exemplare zieht sie mit geschlossenem Mund nach. Ihm ist, als könne er das dazugehörende leise schnalzende Geräusch hören.

Er steht wie angewurzelt auf dem Weg vorm Haus und fühlt sich vom Anblick ihres schlemmenden Genusses dermaßen angezogen, daß er sich keinen Millimeter wegrühren kann. Den einsetzenden Regen lässt er ungerührt auf seine Schultern prasseln, zu mitreißend ist das Schauspiel hinter dem Vorhangspalt.

Er weiß genau um ihre Vorliebe für Spaghetti Bolognese. Mit welcher Hingabe sie die tomatenrote Sauce zubereitet, von den frischen Kräutern erst den Duft tief einatmet bevor sie sie hackt und in kleinen Prisen ins Gericht streut. Er denkt an ihre halb geschlossenen, gelegentlich zitternden Lider beim andächtigen Abschmecken. Wann immer er sie beim Zubereiten ihrer unangefochtenen Lieblingsspeise sieht, drohen seine Gefühle zu entgleiten.

Erschrocken stellt er fest, daß sie sich, während er mit seinen Gedanken abgeschweift war, vom Tisch entfernt hat. Zwischen den dunklen Vorhangteilen ist lediglich ein greller Lichtspalt erkennbar, ihre Gestalt ist verschwunden. Er spürt einen Stich tief im Inneren. Das heimliche Beobachten seiner Traumfrau bei einer ihrer wunderbarsten Tätigkeiten ist für ihn so hinreißend, daß er den Moment niemals enden lassen möchte. Gleich darauf gibt der schmale Ausschnitt im Vorhang ihre Rückkehr preis. Sie steht nun am Tisch, in ihrer linken Hand liegt eine Reibe, mit der rechten bewegt sie konzentriert ein Käsestück hin und her. In kleinen Bröckchen segelt Parmesan auf ihre orangerot gefärbte Kost. Als wäre sie Frau Holle bedeckt sie ihren Teller mit einer dicken Schicht Käseflöckchen, die sich leicht schmelzend ins Gesamtkunstwerk einfügen.

Nun hält er es nicht mehr aus. Sein Magen krampft sich zusammen, Verlangen übermannt ihn. Er ringt kurz mit sich, presst dann entschlossen die Luft zwischen seinen Zähnen durch. Mit fester Hand fährt er in den Mantelsack, umfasst mit harten Fingern den kalten Schlüsselbund und löst sich mit einem Ruck von seinen Fesseln. Er lenkt seine Schritte rasch Richtung Haus. In einer Minute wird er an ihrer Türe stehen, den Schlüssel im Schloß umdrehen und gleich darauf wird ihm seine geliebte Frau eine verführerische Portion Spaghetti Bolognese servieren.

© Daniela-B 05.02.2020

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