Kuba. Paradies. Punkt.

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Kuba. Paradies. Punkt. | story.one

Wir laufen über den feinen, weißen Sand Richtung Ende der Bucht. Die Sonne steht bereits tief, die Hitze des Tages hat sich gelegt und ist einer angenehmen, lauen Wärme gewichen. Während noch unter unseren Füßen der Sand knirscht, können wir schon von weitem das Flackern des Lagerfeuers sehen und den Duft von Gegrilltem riechen. Es ist bald 30 Jahre her, dass ich um den halben Erdball geflogen bin, um in dieses tropische Eldorado zu gelangen. Kuba, Anfang der Neunziger.

Wir genießen Meer und Sonne, Rum-Cocktails und karibische Leckereien. Diesen Abend sind wir zum Spanferkel-Grillen eingeladen. Wir gruppieren uns locker ums Feuer herum, sitzen auf einfachen Polstern und Decken am Boden. Was für ein Traum, im Schein des knisternden Feuers herzhaftes Grillfleisch zu genießen und die Blicke über die karibische Bucht schweifen zu lassen!

In einem tief versteckten Winkel des Bewußtseins ist uns schon klar, dass sich Kuba in einer tiefen Wirtschaftskrise befindet und es der Bevölkerung nicht besonders gut geht. Aber was begreift ein blutjunger Mensch aus Mitteleuropa vom kubanischen sozialistischen System? Herzlich wenig. Wir machen Urlaub, wir wollen Mojito und Cuba libre, keinen Sozialismus. Was wissen wir schon von politischen und wirtschaftlichen Krisen? So gut wie nichts, es interessierte uns schlicht und ergreifend nicht.

Nach dem Essen beginnt eine Band zu spielen. Die Rhythmen von Salsa und Rumba sind mitreißend und verführerisch. Fremdartige Instrumente verbreiten bezaubernde Klänge und verführen uns in den Schein eines heilen, karibischen Paradieses. Grazile dunkelhäutige Paare wiegen im Rhythmus der Musik kokett ihre Hüften. Es sieht so wunderschön aus, wie sich die Tänzer mit weichen, anschmiegsamen Bewegungen im Takt bewegen als stünde keinerlei Anstrengung dahinter.

Wie leicht kann man in diesem Ambiente eines Bacardi-Werbespots das befremdliche Gefühl vergessen, das uns den ganzen Tag über begleitet. Das besondere Währungssystem für Ausländer macht es praktisch unmöglich, sich außerhalb der vorgegebenen Touristenwege zu bewegen. Eigeninitiative und Individualität sind kaum möglich. 1993 bekommen Ausländer nur das zu sehen, was sie sehen sollen. Sie sollen schöne Hotels an Traumstränden erleben, sollen heimischen Rum in allerlei Variationen genießen, in den Hotelressorts teure Souvenirs kaufen. Alles staatlich organisiert und einkassiert. Und heute Abend soll es eben Gaumen- und Ohrenschmaus am Traumstrand sein. Wir lassen uns nur zu gern auf die Scheinwelt ein. Wir sind jung und wollen uns wie im Werbespot fühlen. Wir nehmen uns ein Recht auf Unbeschwertheit und Leichtigkeit heraus. Wir genießen Verliebtheit im Salsa-Rhythmus, garniert mit Pina Colada und tropischen Früchten. Kuba. Paradies. Punkt.

© Daniela-B