Ovos moles

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Ovos moles | story.one

Vom hochgehobenen Kochlöffel rann die heiße Zuckermasse in einem hauchdünnen Faden nach unten und bildete am Ende einen Tropfen. Sie hatte Wasser und Zucker heiß aufgekocht bis die Fadenbildung einsetzte, das ist der perfekte Zeitpunkt um das Gemisch vom Feuer zu nehmen und langsam abkühlen zu lassen. In der riesigen mittelalterlichen Küche hatte sich gute Wärme durchgesetzt wo sonst meist recht kalte Luft zwischen den dicken Steinmauern herrscht. Während der Kessel mit dem flüssigen Zucker beiseitegeschoben wurde, war man daneben mit dem Verrühren und Aufschlagen von Eidotter in einem großen Bottich beschäftigt. Die Nonnen des mittelalterlichen Portugals schufteten schwer innerhalb der Klostermauern. Sie hantierten zwischen mächtigen unbehauenen Steintischen und der offenen Feuerstelle, auf eiskaltem Boden aus groben Steinblöcken. Kochgeschirr und –werkzeug waren aus Kupfer oder Eisen. Damit rührten die Nonnen in Aveiro aus Eidotter und Zucker eine homogene Masse, die abschließend in kleine, hauchdünne Teighüllen gefüllt wurde und unter der Bezeichnung Ovos moles -zu Deutsch: weiche Eier- den Weg in den Verkauf fanden. Eigentlich durften die portugiesischen Nonnen im Mittelalter lange Zeit vonseiten des Klerus keine Einnahmen machen. Jedoch waren die Damen findig: in den Klöstern wurden sehr viele Eier benötigt weil man das Eiweiß zum Stärken der Hauben und Krägen benutzte. Für die zahllosen überschüssigen Dotter hatte man lange keine angemessene Verwendung bis die Nonnen auf die Idee kamen, daraus Süßspeisen zu kreieren. Diese fanden sowohl bei Geistlichen als auch bei der Bevölkerung sehr großen Anklang, sodass die Kirche den Klöstern den Handel mit Süßwaren gewährte.

Allein dieser Entwicklung vor mehreren hundert Jahren verdanke ich heute bei meiner Reise durch Portugal die unglaubliche Vielfalt an süßen Köstlichkeiten! Durch Portugal kann man sich kreuz und quer durchkosten. Es sind nicht bloß die süß-klebrigen „weichen Eier“ sondern auch die berühmten kleinen Blätterteigtörtchen, innen mit Vanillepudding gefüllt. Man findet sie unter der Bezeichnung Pasteis de Nata in absolut jeder Konditorei des Landes. Darüber hinaus verwöhnt Portugal die Gaumen von Besuchern und Einheimischen mit den unterschiedlichsten Teig- und Zuckerkreationen, denen kein Schleckermäulchen widerstehen kann.

Aber angefangen hat das süße Leben Portugals mit den Nonnen in Aveiro, die nachweislich als Erste die entsprechenden Rezepte aufzeichneten und damit der Nachwelt bis heute erhielten.

© Daniela-B 22.09.2019