#corcooning

The other side of silence

  • 909
The other side of silence | story.one

Kathmandu/Nepal August 2020 -Lebensmomente aus unserer Wahlheimat

Komm schnell rein in den Laden! Schnell!

Die Worte des Verkäufers sind eindringlich und besorgt. Ohne lange nachzudenken, springe ich in den winzig kleinen Gemüseladen. Sekunden später schon rasselt der Rollladen herunter.

Was ist hier los? Ich sehe ein verzweifeltes Lächeln, Unverständnis und Wut im Gesicht des freundlichen Ladenbesitzers.

Heute, am 20. August, nach 5 unendlich langen Monaten Corona Lockdown, verhängt Nepals Regierung erneut eine strenge Ausgangsperre. Erneut zurück in die eigenen 4 Wände, wieder das öffentliche Leben auf Null heruntergefahren, wieder zurück in diese Stille.

Nur kleine Lebensmittelläden sollen wenige Stunden am Tag geöffnet sein dürfen – am ersten Tag dieses Lockdown bis 11.00 Uhr - so hieß es.

Doch plötzlich, ohne Vorwarnung kommen Motorräder mit Polizisten. Sie springen von ihren Maschinen und fuchteln wild mit Schlagstöcken umher. Augenblicklich kippt die Stimmung.

„Alle Läden sofort zu!“, „Keiner verkauft auch nur eine Minute länger etwas!“ ... Mein freundlicher Gemüsehändler schaut auf die Uhr. Es ist 8.10 Uhr. Was soll das? Wieso denn schon jetzt? Wieso mit solcher Wucht?

Wir stehen im Halbdunkeln des winzigen Raums zwischen Reissäcken, Zwiebeln und Salat. Der Gemüseverkäufer war gerade dabei, die neue Ware einzusortieren, die ihm - bis vor einer Minute noch - geliefert wurde. Stattdessen verfolgen wir nun akustisch diese unwirkliche Situation.

Schlagstöcke hämmern gegen Türen. Alles wirkt bedrohlich. Menschen schimpfen und diskutieren. Wieder knallen Schlagstöcke gegen die Rollläden.

Was passiert hier? Mein Gemüsehändler spricht ganz leise und zeigt zur Hintertür. „Geh da hinten raus, das ist sicherer!“ Fast hätte ich vergessen, was ich in dem Laden wollte. Ach ja, Blumenkohl und Kartoffeln. Er packt mir in Windeseile alles ein. Mir zittern die Knie.

Über den engen Hinterhof gelange ich zur kleinen Straße. Ich blicke mich um. Die wenigen Menschen die hier sind, schauen alle in eine Richtung – den sich entfernenden Motorrädern hinterher.

Für einen langen Moment herrscht absolute Stille. Der Schrecken ist allen anzusehen. In den Augen der Menschen ist so viel Verzweiflung und Wut.

Dann entfacht eine hitzige Diskussion. Es fallen Wörter wie Willkür oder vielleicht ist es ja auch Überforderung oder Uneinigkeit unter Polizei und Sicherheitskräften in der Umsetzung der Corona-Maßnahmen?

Die Menschen hier kennen Katastrophen und sind krisenerprobt. Aber nun so viele Monate Lockdown - wie überleben ohne Einkünfte, ohne finanzielle Hilfen??

Kopfschütteln bei allen. Was für schwere Zeiten!

Mein Gemüsehändler ist nun auch auf der Straße. Er möchte sich vergewissern, dass ich gut nach Hause kommen werde.

Wir lächeln uns zu. Auch die anderen lächeln. Seit vielen Jahren kennen wir uns, und wir stärken uns – ohne viele Worte, auch und besonders in schwierigen Zeiten wie diesen!

© Daniela Jährig 23.08.2020

#corcooning