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Wachgerüttelt

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Wachgerüttelt | story.one

Kathmandu/Nepal 16. September 2020

Mauzend steht, wie jeden Morgen, unsere Katze vor der Schlafzimmertür. Sie möchte uns mitteilen, dass sie von ihrem Nachtausflug zurück ist. Wie schön, nur es ist 4.50 Uhr und eigentlich sind wir beide noch zu müde, um aufzustehen.

"Gibst du der Katze Futter?" Gut, Steffen, mein Mann, übernimmt den Job.

Aber irgendwie will die Katze heute keine Ruhe geben. Was ist los?

Es ist nun 5.10 Uhr, und ich versuche trotz des Mauzen wieder einzuschlafen.

5.19 Uhr: Plötzlich rüttelt das Bett, der Schrank, das Zimmer, ALLES rüttelt. Ein ERDBEBEN!!!!!

In Sekunden sind Steffen und ich aus dem Bett gesprungen. Jetzt ist Eile geboten! Unser ganzes System erinnert sich sofort an die Erdbeben 2015. Keine guten Erinnerungen. Damals wurde so viel zerstört, Tausende Menschen starben.

Mist, wo ist denn jetzt die Hose, wo die Tasche mit den Papieren, die steht doch immer neben dem Bett, warum steht sie denn ausgerechnet heute im Wohnzimmer? Hatte ich das Handy ausreichend geladen? Oh mann und Laptop samt Festplatten sind ordnungsgemäß schön am Arbeitsplatz im Office, eine Etage weiter oben. Was könnte ich mich jetzt ärgern. Nach den verheerenden Erdbeben damals hatte ich mir geschworen, nicht nachlässig zu werden und jeden Abend die Nottasche zu packen. Aber dann ... der Alltag, die Bequemlichkeit schlich sich leise ein ...

Alles was wir schnell noch greifen können, rein in den Rucksack, Hose an und raus aus dem Haus. Wo ist die Katze? Sie hat das Weite gesucht.

Draußen vor den Häusern versammeln sich mehr und mehr Menschen. Viele Nachbarn sind auch aus den 4 Wänden geflohen.

Das Rütteln hat zum Glück schon vor einer Weile aufgehört.

Nun wird diskutiert und spekuliert. Wo genau war das Erdbeben und wie stark? Die offizielle Nepal Earthquake-Seite ist nicht zu öffnen - wahrscheinlich überlastet. Wir müssen warten. Erst einmal ist wichtig, dass es keine Nachbeben geben wird.

40 Minuten später dann die ersten Meldungen - Bebenstärke 6.0, nicht weit von Kathmandu entfernt, Richtung Hoher Himalaya. Darum also ein so heftiges Rütteln. Es soll Erdrutsche und einige eingestürzte Wände gegeben haben, zum Glück aber keine Toten.

Die Klöster nebenan stimmen Gebete an. Trotz Pilgerverbot - Nepal ist ja noch immer im Lockdown - kommen mehr und mehr Mönche, Nonnen und Gläubige und pilgern um ihr Heiligtum, den großen Stupa von Boudha. Buddha soll ihnen Schutz geben.

Das tat er schon 2015 - damals blieb der Stadtteil Boudha weitestgehend von der Zerstörung verschont und heute am 16. September 2020 auch. Denn außer einem Schrecken sind wir hier gerade alle ohne Schaden davongekommen.

Mit einer Tasse Kaffee in der Hand und unserer Katze auf dem Schoß versuche ich den Tag wieder in "normale" Bahnen zu bringen.

Leise lausche ich dem nun eingesetzten Regen und erfreue mich am Leben!

Euch allen einen guten und sicheren Tag, vielleicht ja auch mit einer Tasse Tee oder Kaffee in der Hand, aber ohne Schrecken! :-)

© Daniela Jährig 16.09.2020

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