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#haut

Frienemies

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Frienemies | story.one

Interessante Aussage: Die Chinesen sind ´Frienemies´ , also politische Feinde, aber ökonomische Freunde. “Was macht der wunderbare Thomas Gottschalk in dieser Talkrunde?”. Lillys Aufmerksamkeit bleibt in einer an Gästen bunt gemischten Gesprächsrunde hängen.

"Durch diese digitalen Zuschaltungen kommt man sich noch ein bisschen mehr vorm Bildschirm als dazugehörig vor.", stellt sie fest, als nun zugeschaltet ein Minister mit der Flagge hinter sich, sein Statement abgibt, bevor in einen 6700 Km entfernten Ort geschaltet wird, zu einer Korrespondentin, die jetzt um 14 Uhr in der frühen Nachmittagssonne sitzen müsste, soweit Lilly das nach einem Blick auf ihre unter dem Ärmel hervorgeschobene Armbanduhr beurteilen kann.

Dass eine Moderatorin mit der Korrespondentin spricht, ist ja nichts Neues, aber nun diskutieren der eine Zugeschaltete aus Mitteleuropa mit der Moderatorin und der Frau auf einem anderen Kontinent. Die interessanteste Projektion ist auf jeden Fall für Lilly bisher ein großer Bildschirm mit den etwa 20 Teilnehmern einer Diskussion, deren Gesichter hinter deren Computerkameras, in jeweils deren verschiedenen Orten natürlich, zu sehen waren - moderne Technik macht es möglich.

Da sie mit ihren Töchtern auch über 1200 Km Distanz kommuniziert, ist dies natürlich eine feine Errungenschaft, doch manchmal schreibt sie auch schon ihrem Sohn am Handy, obwohl der nebenan sitzt.

Es folgt eine Einspielung eines aufgezeichneten Interviews. Als sie ihren Lieblingsmoderator M. L. in seinem bestimmt teuersten Anzug aufgeregt und ein wenig kindlich zwischendurch, was aber am Talkpartner - ein ehem. Staatsoberhaupt - liegen muss, der ja gerne seine weißblinkenden Zähne mit einem lächerlichen Grinsen zeigt, wenn man ihn aus seiner einstudierten Rede bringt, sieht, bleibt sie gespannt dabei hängen.

Sein modelhaftes Charisma sollte schon früher davon ablenken, dass er nicht Wirtschaft machte, sondern einfach nur die Waffenproduzenten mit eigens inszenierten Kriegen zufriedenzustellte. Da ihr Lieblingsmoderator bisher keine einzige kritische Frage stellt, sondern sich im eigenen Schleim suhlt wie sein Gegenüber, ist Lilly schon fast dabei wegzuschalten, doch plötzlich kommt er in Fahrt und stellt eine wesentliche Frage, nämlich, ob derjenige nachts noch ruhig schlafen konnte, bei so vielen Angriffen auf andere Länder, worauf der andere betont, dass 500 Millionen Dollar am Tag (!) in seinem Land für Krieg und Verteidigung ausgegeben wurden, als könne er darauf auch noch stolz sein. “Touche!”

“Seufz.”, sie ist mit ihrem favorisierten Medienmensch doch noch sehr zufrieden. “Er hat sicher ein paar kühle Spritzer Wasser ins Gesicht vorm Spiegel danach gebraucht.", schmunzelt sie. “Journalisten, Fernsehsprecher, Redakteure, Moderatoren ein wichtiger, mutiger, adrenalingesteuerter Berufsstand und Pressefreiheit nützt nur, wenn es unbequeme Journalisten gibt (Gerhard Kocher)."

© Daniela Neuwirth 2020-11-21

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