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Ein Ziel vor Augen

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Ein Ziel vor Augen | story.one

Drei Jahre lang lief Lilly jeden Morgen zur Linienbushaltestelle hinter der großen Wildwiese hinterm Reihenhaus ihrer Großeltern, um den Bus rechtzeitig zu erreichen, mit dem sie in die Firma gebracht wurde, in der auch ihr Großvater seit 40 Jahren arbeitet und wenn er nicht in Pension gehen muss, dies auch weiter bis an sein Lebensende machen würde.

Bei ihrer Bewerbung brachte diese Tatsache auf jeden Fall Vorteile, denn für die Massageausbildung waren dem Masseur ihre Hände zu zart, für den Verlag konnte sie zu wenig französisch Antoine de Saint-Exupéry aussprechen. Seit ihrem ersten Arbeitstag hat sie nur eines vor Augen, den letzten Tag ihrer Ausbildung, egal was danach kommt.

Es ist ein hervorragender Betrieb - noch dazu ein verstaatlichter: Industrie, sozusagen Rohrleitungs- und Behälterbau mit zwei großen Hallen, einem technischen Büro, Personalabteilung, Betriebsrat, Verkauf, Vertrieb, Einkauf, Lagerverwaltung, Montageabteilung, Rechnungswesen, Buchhaltung, Empfangsabteilung und Geschäftsführung, sogar einen eigenen Betriebsanwalt in denen 400 Personen tätig sind und auf Montage nochmal 200 Schweißer und Arbeiter weltweit verstreut auf den Baustellen.

Die Auszubildenden haben sogar einen eigenen Jugendbetriebsrat und es gibt zahlreiche Firmenausfahrten, eine Sportmannschaft, sehr große und gut organisierte Weihnachtsfeiern und sonstige Feste. Sie ist vom ersten Tag an herzlich willkommen, da nicht nur der Großvater hier arbeitet, sondern auch einer der Prokuristen ein Onkel ist und Cousins in der Betriebshalle riesige Falzmaschinen bedienen, die Eisenteile rollen und stanzen, die irgendwann als Behälter auf einem der überlangen Transporter der blauen Spedition mit großem Trara vom Betriebsgelände gefahren werden und irgendwo in Afrika, Asien oder Nahen Osten aufgebaut werden.

Dieses Werk im Industriegebiet der kleinen Stadt Wels verewigt sich also in den entlegensten Gegenden dieser Erde und geschweißt, gestanzt, gerollt usw. wurde von engagierten Welser Jungs, die hier bereits bei Sonnenaufgang in der Halle die Maschinen anschalten und dafür früh nach Hause können und den Tag genießen oder zuhause an ihren eigenen Häusern und im Garten weiter werken.

Dass hier ganz schön Power dahintersteckt, merkt Lilly, wenn sie alle sechs Monate die Abteilung wechselt und in verschiedenen Bereichen ausgebildet wird und mitarbeitet. Dass nicht immer das, was sie möchte und ihr Spaß macht, auch in ihr von der Geschäftsleitung gesehen wird, bemerkt sie als, ihr angeboten wird, im Unternehmen nach der Abschlussprüfung in der Buchhaltung einen fixen Arbeitsplatz zu bekommen - der einzigen Abteilung, die von einer Frau geleitet wird, die auch Prokura besitzt und die rechte Hand des Geschäftsführers ist, also die Zukunftsaussichten nicht schöner sein können.

Doch Lilly hat noch soviel Aufregendes vor und ein winziger Teil eines großen Ganzen zu sein, steht nicht auf ihrer Liste.

© Daniela Neuwirth 23.05.2020

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