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Frühstück mit Meeresblick

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Frühstück mit Meeresblick | story.one

Wer kennt es nicht - das Café an der Promenade, welches in der oberen Etage tolles Frühstück anbietet, Meeresblick auf die Nordsee inklusive. Dort geht's mit ein paar Magazinen und Zeitungen über die verwinkelte Treppe upstairs direkt an die große Fensterfront mit aufmerksamkeitsheischendem Ausblick auf das lebendige Wellenkunstwerk der Nordsee und den morgendlichen, hellblauen Himmel, den die Frühlingssonne erst noch hell ausleuchten wird.

Lilly erobert sich einen der gepolsterten Sessel, schlürft durch einen Trinkhalm frischgepressten Orangensaft, knabbert am feingeschnittenen Käse und Schinken auf einem frischgebackenem Kürbiskernbrötchen und beobachtet das bunte Treiben der Menschen an der Promenade, während die Seele in ihrer Hängematte baumelt. Dies gehört Sonntag Morgen zu den schönen Dingen, die sich einer Genießer-Mentalität anbieten.

Bei Schlechtwetter findet man ein ruhiges, gemütliches Plätzchen hinter der Glasscheibe, die einem millimeterweit von den prasselnden Regentropfen trennt. Lilly genießt diese Momente, kann auch gerne still sein dabei - im Gegensatz zu ihm. Mike erzählt ohne Ende von seinem Zuhause, jedes kleinste und unwichtigste Detail seiner Beziehungen und was er in seiner Arbeit schafft oder nicht. All dieses prallt an ihr ab, wie der Wind am Glas zwischen ihr und der frischen, salzigen Seeluft.

Die warme Mittagsonne strahlt auf die breite Einkaufsstraße und es ist schön, den Weg bis zum Autozug zusammen zu schlendern. An beiden Seiten der Straße haben sich junge oder auch nicht mehr ganz so junge Musiker oder Handwerkskünstler mit ihren Noten und Geldhüten oder Tischläden aufgebaut. Lilly bleibt bei dem Verkäufer von Lederarmbändchen stehen und guckt schon mal für ihren nächsten Einkauf.

Bei Leysiffer bildet sich, wie so oft, eine Passanten-Schlange, von Menschen, die sich im Vorbeigehen eine Gourmet-Eiswaffel mit Vanille-Eis, Roter Grütze und Schlagsahne oder sonstige Spezialitäten gönnen wollen. Der gleichen erheiternde Situation begegnet sie bei der Bäckerei, die mit Duft von frischem Gebäck in ihre Fänge lockt.

Manche schlängeln sich direkt an den Schaufensterfronten des Weges entlang, weil sie die Mittagssonne in der Mitte der Straße meiden wollen, die auch die Pflastersteine aufgewärmt hat und die Möwen putzen in Wartehaltung mit ihre großen Schnäbeln das weißgraue Gefieder.

An der Verladestelle des ratternden Autozuges überreicht ihr Mike zwei Flaschen Sekt Rosé aus dem 6er-Karton in seinem geräumigen Kofferraum, bevor er einsteigt. "Du bist eine, wo man nicht so schnell weg will", redet er sich wieder in ein in den Abgrund reißendes Fahrwasser. Lilly wäre froh gewesen über ein kleines Kompliment über ihre Figur oder Haare. "Willst du mir noch etwas Persönliches sagen?", versucht sie ihm nach einem, mit verbalen Belanglosigkeiten vollgepackten Vormittag, Nettigkeiten auf die Zunge zu legen. "Was soll ich dir sagen? Das ich dich liebe?"

© Daniela Neuwirth 07.03.2020

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