Gastronomische Qualitäten

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Gastronomische Qualitäten | story.one

Mai 2015 - Ihr erster Geburtstag im neuen Leben so hoch oben im Norden. Unter den Kollegen ist immer Mega-Party-Laune. Was besseres hätte ihr gar nicht passieren können. Mit ihrem Kollegen an der Bar hat sie oft stundenlange Witze-Challenges, wo sie vor lauter Lachen vergisst, dass dies Arbeit sein soll. Sie scheint ein natürliches Show-Talent als Barkeeperin, die nebenbei 1500 Leute bedient, abkassiert und unterhält, zu sein. Je mehr los ist, um so besser. Lilly ist es recht - je mehr Leute sie kennenlernt, desto mehr macht es Spaß und das freut wiederum die Kassenlade, dies wiederum den Filialleiter, der sich perfekt auf die Mitte des Ladens konzentrieren kann.

Sie findet diesen Abstand von etwa 10 Metern sehr angenehm - so hört und sieht er nicht alles, ist aber in Rufweite. "Und wenn Google nicht mehr weiter weiß, dann rufen die bei mir an.", stoppt er irgendwann ihre unzähligen Fragen. Mehr als einen Satz kriegt man selten aus ihm raus. Ein zweiter ist so rar, wie die Eiszeit. Sie fragte ihn mal, wo sein Name herkommt. "Von meinen Eltern.", war die lapidare Antwort.

Einer der Jünglinge, die noch kaum der Sprache Herr sind, hat zwei Tage vor ihr Geburtstag und Lilly bringt endlich die übrige Sektflasche unters Volk. Sie versucht sich mit Erfolg an durchtanzten Nächten und verschiedenen Sprachwortschätzen, deren es genug gibt inzwischen. Trotzdem funktioniert alles wunderbar und alle profitieren gegenseitig.

Die mazedonischen "Zwillinge" bringen frischen Wind in die Männerherzen. Die eine verzaubert mit ihrer ruhigen Art und kastanienbraunen Locken den Chef und den Hamburger Hünen, der nach 8 Jahren Amerika nun in Hannover studieren wird, nachdem er das Junk-Food hinter sich gelassen und in kürzester Zeit 20 Kilo abgenommen hat. Die andere ist ruppig und laut, jedes zweite Wort ist "Bitch", ihre schwarzen Zotteln hängen in ihr Gesicht und sie stampft mehr, als sie geht.

Erna bewundert unter anderem die Art, wie die beiden die Schürzen tragen: aufgrund ihrer kleinen Statur, reichen ihnen diese bis knapp unter den Brustansatz, wo andere die eher an den Hüften sitzen haben. Lilly hält die beiden in Schach, indem sie ihnen jedes Mal ein neues deutsches Wort lernt, wenn sie zum Plaudern in die Nähe kommen. Außer an dem einen Tag, wo sich die gesamte Belegschaft angeheitert im Personalraum einfand und lachend vorm Fenster drängte, um die Nachbarn, die sich auf der gegenüberliegenden Terrasse in Sichtschutz glaubten, beim Kopulieren zu beobachten - da gab es kein neues Wort.

Nirgendwo kann man schneller mitverfolgen wie Sprachen gelernt werden. Die Jungen beobachten und imitieren die Laute, was anfänglich sehr witzig klingen kann, wie bei dem jungen Mann aus Pakistan. "Bis mooorgen.", war unser täglicher Schlachtruf in den Feierabend. Er rief das dann auch immer zum Abschied, betonte aber das B als P, was sich dann nicht mehr korrigieren lies, weil er zufrieden war, dass alle immer so lachten, wenn er ging mit "Piss morgeeen."

© Daniela Neuwirth 08.03.2020