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Großmutter erzählt... vom Lagerleben

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Großmutter erzählt... vom Lagerleben | story.one

Aus der russischen Zone stieß unser Vater zur Familie. In Vöcklabruck war es uns Zwillingen möglich, im Kloster bei den Nonnen einen Schulunterricht zu besuchen. Flüchtlinge, die direkt aus Jugoslawien ankamen, wurden in Lager untergebracht und versorgt von den Amerikanern. Evakuierte der Deutschen konnten nicht eingeordnet werden. Vorläufig wurden wir als "Fremdsprachige" nach Asten geschickt, wo wir eine serbokroatische Schule besuchten.

Vor Weihnachten 1945 veränderte sich der Aufenthaltsort wiederum. Auf LKWs wurden die Volks-Deutschen bei klirrender Kälte in die altbekannte Fabrikshalle mit Gefangenen nach Steyr gebracht. Das war der Heilige Abend.

Ein anderer Teil unserer Verwandtschaft, die Schwester meines Vaters, Barbara Berger, und die hinkende Cousine, wurden nach Wels geschickt. Am 6. Jänner 1946 organisierte Jakob einen eigens bezahlten Lastwagen, der ihn, unsere Mutter und uns Kinder nach Wels brachte, wo die Verwandtschaft im Wiesenlager wieder zusammentraf.

Drei Familien lebten in einem Raum. Männer versuchten Arbeit zu bekommen. Sie fällten Holz. Verpflegung gab es durch die Amerikaner. Kinder konnten am Unterricht in der Lagerschule teilnehmen.

Nach einigen Wochen kam unsere Mutter aufgrund Schwäche ins Krankenhaus, welches in einer Baracke in Lichtenegg - in einem Judenlager - eingerichtet war. Sie bekam Medikamente, konnte nur kurze Zeit vom Bett aufstehen. Das Baby Theresia blieb anfangs bei uns und unserem Vater. Er ging aber tagsüber zur Arbeit und wir Kinder zur Schule. So brachten wir unsere kleine Schwester zur Tante. Da wir das Zimmer mit fremden Leuten teilten, blieb das Baby bald auch nachts dort. So oft es möglich war, besuchten wir unsere Mutter im Krankenhaus.

Eines Tages bekam die Theresia Fieber und erkrankte. Ich berichtete dies meiner Mutter. Sie hielt uns dazu an, das Baby nicht aus dem Zimmer zu lassen, damit es keine Lungenentzündung bekommt. Ich sah, dass die Tante das Baby in den Kinderwagen einpackte, um ins Krankenhaus zu gehen. Ich wollte sie zurückhalten, indem darauf hinwies, dass unsere Mutter nicht will, dass sie mit Theresia ins Freie geht. Die Tante meinte nur: "Das Kind ist gut eingepackt." und ging los.

Tags darauf stieg das Fieber an. Der Arzt wurde gerufen. Er wies unsere kleine Schwester in das Spital ein. Ein paar Tage danach besuchten sie Franziska, Herta, ich und die Tante. Theresia hatte starkes Fieber und Lungenentzündung. Die Krankenschwester stellte das Bettchen raus. Als Theresia unsere Stimmen hörte, streckte sie die Händchen hoch. Wir durften sie nicht aus dem Bett nehmen. Die Krankenschwester teilte uns mit, es sei besser, wenn sie jetzt wieder schläft. Am nächsten Tag, Montag Früh, wurde unser Vater von der Verwaltung angerufen. Sie verständigten ihn vom nächtlichen Versterben seiner Tochter. Auf dem Weg zur Schule erfuhren wir Zwillinge: "Das Resili ist gestorben.". Wir gingen weiter auf dem Schulweg und unser Vater zur Arbeit.

© Daniela Neuwirth 27.02.2020

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