Herrschaftliche Bekanntschaft

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Herrschaftliche Bekanntschaft | story.one

Mit Rasanz geht es durch die Führerschein-Kursstunden, für die sie sich direkt zum 18. Geburtstag angemeldet hat. Zum Glück gibt es viele, viele ebenso ahnungslose KollegInnen, die hier an ihren Tischen sitzen und zuhören. Die Fahrstunden laufen reibungslos ab, die Theorie ist erlernbar, das Technikverständnis braucht Improvisationsvermögen.

Es hat sozusagen gleich Klick gemacht, zwischen Lilly und dem ebenso oft Wortmeldung gebenden und vielfragenden Arti - sie wollen es halt beide genau wissen und ihre Harmonie fällt auf. Es dauert nicht lange, wird gemeinsam für die Prüfung gelernt und das mit so viel Stil, wie Lilly es aus Filmen kennt - den Sissi-Filmen zum Beispiel, denn Arti, dem sie auch noch beim Abtippen seiner Matura-Arbeit behilflich ist, wurde in ein kleines Schlösschen in einem weitläufigen Vogelpark hineingeboren.

Sie findet ihn sehr smart und charmant, auch mit den ganzen gefiederten Gesellen, um die er sich auch hingebungs- und verantwortungsvoll kümmert. Weil er das so gut kann, dachte er, sie kann dieses große Flugtier festhalten, während er diesem eine Spritze verabreicht, doch er dachte falsch. Sie lässt das Tier im richtigen Moment, also bevor die Spitze der Nadel auf es einsticht los und läuft schnell lachend raus aus dem Zwinger und in den großen Garten - er ihr nach und jagt sie noch rund um die Mauern des Gebäudes.

Er ist ein schneller Läufer mit langen Beinen, sie gibt auf, lehnt sich an die Schlossmauer und weiß, sie wird ganz sicher keine Tierärztin oder sonst irgend eine Ärztin.

Er lacht auch, kommt zwar näher, aber mit Küsschen, was sich stimmungsgemäß angeboten hätte ist nichts, statt dessen ist sie eingeladen auf Canapés und dazu muss sie ins Haus, die Treppe mit teuren Ölgemälden an den Wänden hoch, jede Stufe mit einem roten Teppich bedeckt, bis ins erste Wohnzimmer, ins zweite am Flügel und exotischer Kunstsammlung vorbei bis zu einem Sofa mit so dickem, abgestepptem Leder, dass es richtig Spaß macht, drauf zu sitzen.

Dann werden auf einem Silbertablett pikante Häppchen serviert und die Oma schwebt in den Raum, begrüßt ihren Enkel, als wäre er der Bundespräsident und Lilly seine Frau. Sie sitzt erstaunt rechts von ihm, als die elegante Dame ihr die Hand zum Gruß reicht, überlegt noch, ob sie jetzt aufstehen soll und auch so herzlich und offen sein, da hat es sich schon erledigt: "Schön aufstehen.", hieß es und Lilly hebt sich mitsamt ihrer silbernen Glitzerleggins vom Ledersofa.

"Tja, nun weiß ich das auch.", schmunzelt sie und gibt noch höflich einige Antworten, bevor sich die Schlossherrin wieder entschuldigt und noch viel Vergnügen wünscht. Arti ist also Herzlichkeit gewöhnt, Lilly auch, aber ein bisschen weniger pompös und luxuriös. Hier scheint schon seit Generationen ein gewisser Besitz vorhanden zu sein, denn Artis Vater sammelt südamerikanische Kunst, die überall im Gebäude zu sehen ist. So herzlich offensiv die Großmutter ist, so reizend schüchtern ist aber ihr Gastgeber.

© Daniela Neuwirth